25. April 2018

Flohmarkt

NEO_035

Magst Du Flohmärkte? Ich gestehe unumwunden, Flohmärkte sind meine geheime Leidenschaft. Hier brauche ich meiner Fantasie keine Zügel anlegen, ich schaue sozusagen hinter die Dinge und versuche, ihre Geschichte nachzuempfinden.
Mag ja manchem vielleicht etwas seltsam vorkommen, ich jedenfalls finde es toll, in alten Sachen zu kramen aber es geschieht nicht selten, dass ich dabei kleine Überraschungen finde und mit nach Haus bringe.
Da sind es vor allem Bücher, die auf mich eine Anziehungskraft haben, vor allem alte und vielleicht zerschlissenen Bücher. Und so kann es schon leicht geschehen, dass ich dabei die Zeit vergesse, manche Verkäufer schauen dann schon misstrauisch zu mir hinüber, fragen auch schon, ob sie mir helfen könnten. Das allerdings mag ich nicht, wandere dann schnurstracks weiter zum nächsten Objekt meiner Begierde.
So war es dann auch vor einigen Tagen erst. Der Flohmarkt in unserer Stadt war gut beschickt und bei hervorragendem Wetter auch gut besucht. Ich schlenderte durch die Reihen, schaute hier, staunte dort, kramte in Bücherkartons, wobei ich es immer vermeide, die professionellen Anbieter aufzusuchen. Ich mag die kleinen Stände am liebsten, wo Hausfrauen ihre überflüssigen Sachen loswerden wollen oder wo der Speicher der verstorbenen Oma ausgeräumt wurde, um Platz zu schaffen. Dort vor allem finde ich die Schätze, auf die es mir ankommt.

Mein suchender Blick fiel auf einen alten Karton mit vielen alten Büchern. Donnerwetter, das waren Schätzchen, davon träume ich immer. Ich stöberte in diesem Karton und fand dort einige Bücher, auf die es mir ankam. Der Anbieter, ein junger Mann bemerkte mein Interesse und bot mir den ganzen Krempel, wie er sagte, für einen annehmbaren Preis an.
Nun, es war schon verlockend, dies anzunehmen, aber es waren dann doch eine Menge Bücher dabei, die nicht in mein Weltbild passten.
»Heideggers« Schriften, dem nationalen Philosophen, kann ich nun gar nichts abgewinnen. Ebensowenig hat Gustav Freytags »Soll und Haben« mit seinem antisemitischen Touch etwas bei mir zu suchen!
Dann aber fand ich doch einige Werke, die noch in Fraktur gesetzt waren. Und so ging ich dann später mit einigen Bänden fort, die mir gefielen.
Clara Viebig, »Das tägliche Brot« suchte ich schon lange.
Und dann waren da noch einige andere, für mich wertvolle Bände, die ich erwarb, darunter sämtliche Gedichte von »Hermann Allmers«, die schon selten geworden sind und die für meine Website: »Klassikerpark« unverzichtbar sind und die ich auch schon übertragen habe.
Ja, und dabei geschah es dann auch. Ich durchblätterte diesen Gedichteband und plötzlich fiel mir ein kleines Faltkärtchen in die Hand. Ein Strauß Vergissmeinicht auf der Vorderseite, innen dann die Überraschung!
In Sütterlinschrift las ich dort folgende Worte:
Breslau, den 12.Dezember 1908zettel

Mein liebes Mütterlein, ich schicke Dir diesen Band Gedichte von Allmers, Du liebst ihn ja sehr.
Leider werde ich dieses Jahr zum Weihnachtsfeste nicht bei Dir sein können. Meine Herrschaft fährt mit der ganzen Familie nach Arosa in die Schweiz. Es wurde mir aufgetragen, mitzukommen und die Kleinen zu beaufsichtigen. Ich bin sehr traurig, liebe Mutti, aber es geht nicht anders. Wir sehen uns dann im Januar. Bleib gesund,
Du weißt, ich habe Dich sehr lieb!
Dein Mäuschen!

Siehst Du, solche Fundsachen sind für mich Glücksfälle.
Und dann fange ich an zu träumen. Wer war dieses Mädchen? Anscheinend als Kindermädchen in einem vornehmen Haushalt, weit weg von ihrer Mutti.
Was waren ihre Träume? War sie glücklich? Vielleicht verliebt? Oder war es der berufliche Zwang, der sie in die Ferne getrieben hatte?
Wir können es nicht wissen, aber ich weiß nur eines: Sie war ein Mensch, genau so wie wir heute, mit Wünschen und Hoffnungen! Vielleicht wurden sie erfüllt, vielleicht aber erlebte sie die Erfüllung nicht mehr?
Wer will dies nach über hundert Jahren noch wissen?
Ich finde, solch ein kleines Kärtchen ist genau so wertvoll wie irgendeine Hinterlassenschaft aus der »Titanic«!
Jedenfalls habe ich mir meine Gedanken dazu gemacht, mir ist dieses unbekannte Mädchen, das von der Mutter »Mäuschen« genannt wurde, ans Herz gewachsen.
©by wildgooseman

Kommentare:

  1. da lacht mein Herz wenn du etwas über BÜCHER schreibst und wie sehr sie doch deine Lieblinge sind.
    Stell dir nur vor - erzähle ich dir im Plauderton, es gibt nach wie vor "Haushalte" in denen man keine BÜCHER entdecken kann, weder Reisebeschreibungen, Biographien, keine Romane, weder Krimis noch irgendwelche Belletristik zu entdecken, keine Kinderbücher, keine Gedichtbände NICHTS - was man sich nur annähernd nach gedruckten Zeilen ansieht, - da stehe ich immer sprachlos davor und denke und wie - sollen sich die Menschen nun bilden?
    ich glaube dir gerne dass dein herzaufleuchtet wenn du über Flohmärkte gehst auf denen noch Bücher angeboten werden, ein Glück hat die digitale Welt dort noch keinen Platz zum stören gefunden!!!!!
    habe deinen beitrag - lieber Horst - sehr genossen...du weisst warum, ein leben ohne Bücher, ohne geschreibene zeilen ist öd und leer, weder aufregend noch besonders interessant denn man erfährt von altem und neuem nichts mehr.
    liebe Grüße herzensfreund - Bücherfreund so nenne ich dich gerne..bleib mir noch lange erhalten!
    herzlichst angel

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  2. Dieser Kommentar wurde vom Autor entfernt.

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  3. Ach Engelchen, erhalten bleiben(!) - ein frommer Wunsch- liegt nicht immer im Rahmen des Möglichen, nicht? Aber ICH tue mein Möglichstes!!
    Weisst Du, ein Leben ohne Bücher ist wie ein Leben ohne Freude. Für mich ist der alte Gutenberg derjenige, den man nicht genug loben kann. Ja - ich kenne auch solche "Häuser", wo Bücher das letzte Mal zur Schulzeit aktuell waren. Die Menschen sind m.E. arm, denn sie wissen noch nicht einmal, was sie versäumen!
    Ich setze hier mal einen kurzen Ausschnitt aus meinem Buch "Jahre im Nebel" ein, Du merkst daran, wie recht Du mit Deiner Meinung über mich hast:

    ... Natürlich konnte er noch nicht wieder laufen, das musste regelrecht wieder gelernt werden! Dadurch war natürlich viel Zeit vorhanden, die er nun mit Lernen und Lesen verbrachte. Seiner Mutter war das gar nicht so recht. Er überraschte sie aber mit der Meinung, sie würde ja auch viel lesen, also hätte er das gleiche Recht! Gegen dieses Argument kam sie dann nicht mehr an.
    Gerds allererstes Buch war nun nicht etwa irgendein Märchen, oh nein. Der erste Schmöker hieß
    »Die Schatzinsel, von Robert Louis Stevenson«.
    Wirklich, gar nicht so einfach für solch einen kleinen »Noch-nicht-Erstklässler«. Vor allem englische Namen machten ihm zu schaffen. Diese Namen der handelnden Personen konnte er nicht aussprechen - Oma und Mama konnten sie ihm nicht erklären und der Papa half dem "Herrn Führer" ja in Frankreich siegen.
    So hieß der Jim bei ihm einfach Haw-kins, der Doktor war Doktor Li-ve say und der Squi-re hieß Tre-law-ney. Er sprach die Namen dabei wirklich so silbenmäßig aus, dass er selbst nicht verstand, warum man in England so dumme Namen hatte.
    Jedenfalls las er dieses Buch so intensiv, dass er es gleich noch einmal lesen musste. Er spielte in Gedanken alles durch, faktisch war er in die Figur dieses Jim geschlüpft und durchlebte mit ihm die Abenteuer auf seiner Schatzinsel.
    Bei allen späteren Büchern, - er las in seinem ersten Lebensjahrzehnt ein Buch nach dem anderen, - versuchte er dann natürlich durch Nachfrage bei seinem Onkel, die englische Aussprache der entsprechenden Werke auch richtig zu treffen. Ob es ihm dann auch wirklich gelang, konnte er damals noch nicht kontrollieren. Nachdem eine Zeit lang Friedrich Gerstäcker mit seinen »Flußpiraten vom Mississippi« und den »Regulatoren von Arkansas« sein Zimmer übernommen hatte, wurde dieser dann schließlich ganz von selbst von Karl May ausgebootet.
    Als der Junge später zehn Jahre alt war, hatte er schon an die 30 Werke von ihm gelesen. Es begann mit Winnetou und Old Shatterhand und endete schließlich mit »Kara Ben Nemsi« in den »Schluchten des Balkans«.
    Alles in allem war dieses Jahr für Gerd zwar eine harte, andererseits auch eine schöne Zeit, die er mit seinen Bücherhelden verbrachte. Mutter war es langsam leid, ihn immer nur in die papierenen Abenteuer versunken zu sehen. Einmal landete sein »Roter Korsar« im Küchenherd, wo er dann schmählich verbrannte und seine Gefährten nicht mehr befreien konnte. Emilio Salgari, der Autor, wird wohl ganz schön böse gewesen sein! Mit Mama sprach er aus Frust eine ganze Woche lang nicht ein einziges Wort ...

    Du siehst, wenn Du dies gelesen hast, dass Du richtig lagst!
    (Übrigens, ich schicke Dir das Buch gern, wenn Du mir Deine Anschrift per Mail mitteilst)
    wildgooseman"@"gmail.com

    Herzliche Grüße von mir
    Horst

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[B]Ich danke Dir für Dein Statement![b/]