18. März 2018

Ein Abschied ...

Ein Sommerabend unten am See. Wir sassen auf dem verwitterten grün bemoosten Steg, ließen die Beine baumeln und schauten hinaus auf die Weite des blassblauen Wassers. Im klaren Spiegel des Sees zitterten unsere Spiegelbilder wie Traumgestalten.
Wir hatten über Gott und die Welt gesprochen, das Leben, den Tod und die Unendlichkeit. Später schwiegen wir lange, träumten vor uns hin und betrachteten den wundervollen klaren Sternenhimmel.
Alles war gesagt, auch das unausgesprochene Etwas, das so lange verborgen geblieben war. Wir wollten beide keine große Abschiedsszene, doch Schmerzen nehmen darauf keine Rücksicht.

Nach Mitternacht zeigte er mit dem Finger auf einen der hellen Sterne hoch über uns und sagte leise:
»Siehst du dort die Wega? Dahin werde ich fliegen. Bald!«
Ich sah ihn an, in seinen Augen war ein Glanz, wie ich ihn niemals vorher sah. Er lächelte auf eine sanfte Art, die ich im Grunde nicht an ihm kannte.
»Ich muss gehen, mein Freund! Da hilft alles nichts. Das müssen wir akzeptieren.« 
Der alte Bootssteg bebte, als ich meinen Arm um ihn legte.
»Warum - sagst du nichts«, fragte er.
Ja, warum sagte ich nichts? Was hätte ich sagen sollen, sagen können? Mir war hundeelend zumute. Die Tränen liefen mir an den Wangen hinunter, als er meine Hand nahm und so fest drückte, dass es schmerzte. Ich hatte ihn früher oft bewundert wegen seiner physischen Stärke; nichts - aber rein gar nichts hatte ihn erschüttern können. Und nun? Er war immer noch stark, aber in seinem Innern lief ein Prozess ab, der nicht mehr umkehrbar war. Ich spürte jetzt deutlich, dass er dieses letzte Gespräch gebraucht hatte. Und ich war froh, ihn noch einmal getroffen zu haben. Viele Jahre waren wir verbunden gewesen, in guten wie auch in bösen Zeiten.

Dies nun war ein Abschied, ein endgültiger Abschied. Und er war gewollt!
»Um Acht geht mein Zug«, sagte er dann, »ich möchte nicht, dass du mich begleitest. Das ist mein Wunsch an dich. Wir wollen uns so trennen, wie wir auch stets beisammen waren.«Seine Stimme wurde leisefast zart sprach er weiter.
»Weisst du noch, damals bei der Katastrophe unter Tage? Wir hatten Angst. Aber wir hatten sie gemeinsam. Dieses Mal ist es anders. DU hast noch eine Zeit vor dir. Ich gehe schon mal voraus. Ich fürchte den Mann mit der Sense nicht! Aber ich möchte nicht in deiner Erinnerung sterben, mein Freund!«
Wir erhoben uns vom Steg. Die schmale Sichel des abnehmenden Mondes schaute durch die Zweige der hohen Kiefern. Eine Kette wilder Gänse zog mit heiserem Schreien über uns hinweg.
Es war eine unendlich lange Umarmung, die urplötzlich von ihm beendet wurde. Dann tat er etwas, das er in den ganzen Jahren unserer Freundschaft nie getan hatte, er küsste mich auf die Stirn, drehte sich dann abrupt um und ging mit festen Schritten den schwankenden Steg entlang dem Ufer zu.

Der Gleichklang seiner Schritte verlor sich im Dunkel der Nacht. Ein schattenhaftes Winken noch vom Ufer her - und alles war Vergangenheit.
©by Wildgooseman

Kommentare:

  1. eine schöne berührende Geschichte. Ein Abschied von einem Freund, so wünscht man es sich eigentlich. Viele nehmen nicht oder können nicht Abschied nehmen und hinterlassen abgebrochene Gespräche.
    Sehr schön!
    Liebe Grüße, klärchen

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  2. Ist schon einige Jahrzehnte her, dennoch nicht vergessen ...
    Grüße von Horst

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[B]Ich danke Dir für Dein Statement![b/]