24. Januar 2018

Küchengeplauder


Küchen hatten auf mich schon immer etwas anheimelndes. Im Grunde genommen gehört eine Küche zum wichtigsten Raum einer Wohnung, sie ist sozusagen die Zentrale eines Hauses. Hier wird über die gute oder schlechte Laune der Bewohner mit entschieden, da das leibliche Wohl unzweifelhaft das Hauptanliegen der Familie ist.
Ich erinnere mich an die Küche meiner Großmutter, die ich etwa im Alter von 5 Jahren bewusst kennen lernte. Ein riesengroßer Raum mit drei Fenstern, mehrere Schränke in unterschiedlicher Größe sowie ein riesiger Tisch, der immer mit einer Wachstuchdecke belegt war. Der Fußboden bestand aus roten Ziegelsteinen, die zweimal jährlich mit roter Farbe (Caput mortuum) überstrichen wurde. Die vorherige Generalreinigung brachte die gesamte Küche in einen unwahrscheinlichen Glanzzustand der eigentlich nicht notwendig war, weil Großmutter stets sehr großen Wert auf Sauberkeit in ihrem Reich legte!
Ich kann mich nicht erinnern, dass ich diese grosse Küche jemals ohne Menschen gesehen habe. In der Küche traf sich die Verwandtschaft, hier wurde die Nachbarschaft empfangen, hier wurden Neuigkeiten ausgetauscht, manchmal auch Klatsch verbreitet. Am Küchentisch sassen wir manchmal mit bis zu zehn Personen bei einer Mahlzeit zusammen. Wir ließen uns das gut vorbereitete Essen schmecken, die leckere Suppe, eine gute Hauptmahlzeit und auch das Dessert in mannigfaltiger Form. Selbst in den Tagen des Krieges, als alles fehlte und der Mangel das Hauptprodukt war, - hier in Großmutters Küche war immer etwas zu bekommen. Der Himmel mag wissen, woher oft diese Köstlichkeiten kamen! Vielleicht lag es an den guten Beziehungen zur alten dörflichen Familie außerhalb der Stadt?
Da hing tatsächlich noch eine Anzahl von Dauerwürsten zwischen den Deckenbalken der Küche, während darunter in einem Eck kleine Wäsche trocknete, ebenso wie auch an der umlaufenden Stange des gewaltigen Kohleherdes. Dessen Backofen brachte oft die wundersamsten Brote und Kuchen ans Tageslicht!
Auf dem Herd köchelte immer eine Emailkanne mit Kaffee, das war aber selten Bohnenkaffee, sondern eine Art geröstete Gerste, die dann als Kaffee fungierte.
Das Geschirr, das Großmutter in der Küche benutzte, war sicher kein Meissener Porzellan. Es war Steingut in einer blaugrauen Farbe.
Aber wir liebten Omas Tassen und Teller, vielleicht auch deswegen, weil es stets mit Inhalt versehen war. Brot war immer vorhanden, auch in den schwierigen Kriegstagen, Fleisch brachte Großmutter oft mit, wenn sie ihre Verwandtschaft in den Dörfern besuchte. Kartoffeln und Gemüse kamen aus dem eigenen Garten. So kann ich mich nicht erinnern, bis zum Ende des Krieges trotz der minimalen Zuteilung auf den Lebensmittelkarten jemals gehungert zu haben!
Die wöchentliche Badeprozedur während meiner Besuchswochen bei der Großmutter war allerdings nicht unbedingt eine Sache, die ich liebte. Da war eine grosse Zinkwanne, die aus irgendeiner Versenkung plötzlich auf dem Boden stand, ein Waschkessel mit heißem Wasser stand bereits auf dem Herd, dieses wurde dann in die Wanne geschüttet, diese dann mit kaltem Wasser aufgefüllt. Der kleine Junge - ich - bekam dann die Übermacht der Erwachsenen zu spüren, mit Zeter und Mordio ging es sodann in die Wanne und damit zu Werke! Ich spüre die Seife(!) heute noch in den Augen. (von wegen Duschgel und Badezusatz).
So war es in der alten Küche, hier wurden während der Arbeit Lieder gesungen, abends Spiele mit der ganzen grossen Familie gespielt - es war einfach eine Zeit, die ich nie vergessen werde, auch nicht missen möchte!
Und heute? Die Küche ist voller Geräte, elektrisch und elektronisch gesteuert. Zu jedem der unzähligen Geräte gehört vorher natürlich das eingehende Studium der Betriebsanleitungen in 17 Sprachen.
(Du weißt schon: Füge bitte Nippel A in Loch B zum expandern des ausgehenden Seitenflügels zum openmachen der Doorsegments. usw.)

Jedenfalls ist es stets das Neueste vom Neuen, immer upgedatet auf dem letzten Level! Die Küche ist super-hyper-extra-modern, nur reden kann man dort nicht mehr, viel weniger noch singen. Die Wäsche trocknet im Trockner, das vorgefrostete Essen wartet im Gefrierschrank. Es gibt vorbildliche und moderne zwei-Minuten-Mahlzeiten direkt aus der Microwave, Zum Sitzen beim Essen ist die Zeit zu knapp, es wäre ein unermesslicher Luxus, sich solch unproduktiver Tätigkeit hinzugeben. Man muss ja gleich wieder los, die Arbeit wartet. Da die Gerichte fast fertig sind, muss niemand mehr bei der Zubereitung singen. Da schaltet man schnell den mp3-player ein und in elf Minuten gestoppter Zeit steigt man dann in das Auto, das abfahrbereit schon auf uns wartet oder wir rennen zur Bushaltestelle, um den Bus ja nicht zu verpassen. Das wäre ein unvorstellbares Chaos, denn eine Verspätung würde unser Chef nicht dulden, der gerade nach einem zweistündigen Geschäftsessen mit seinen Partnern das Restaurant »Gambrinus« verlässt.
Ach ja, das Bad, das hätte ich fast vergessen. Es ist natürlich ein Whirlpool mit allen Schikanen. Ist schließlich der einzige Ort, an dem wir mal 15 Minuten für uns sein können um abzuschalten. Sind noch Fragen offen?
Gewiss, wir hatten nichts von dem in unserer Jugendzeit, das heute modern ist, manches gab es noch gar nicht. Und doch hatten wir viel mehr! Wir hatten noch ein Wertgefühl, das Atmosphäre, Geselligkeit und fröhliches Leben beinhaltete.

Großmutter hätte nicht verstanden, was damit gesagt werden sollte. Aber sie hatte in ihrem Reich, in ihrer Küche eines, das heute vielen nicht mehr bekannt ist: Sie war glücklich, und wir mit ihr.


©by wildgooseman

Kommentare:

  1. Die Jugend lebt von ihren Träumen, das Alter von der Erinnerung !
    Ja, so ist es, lieber Horst. Ich tauche gedanklich auch zu gerne in die "gute, alte Zeit" ein. Sie war so viel anders, als heute und aus meiner Sicht eben auch besser, weil die Menschen noch viel Zeit für einander hatten, obwohl die Arbeit sehr viel mühevoller war, als sie es heute ist.
    Mit dem technischen Fortschritt ist vieles einfacher geworden und dennoch leiden viele Menschen heutzutage unter Depressionen und burnout. Sie sind der Schnelllebigkeit, dem Stress, der Hetze und den beruflichen Anforderungen kaum noch gewachsen.
    In meinen Augen ist das ein Schritt in die falsche Richtung, weil immer mehr Menschen, die diesem Tempo und den Anforderungen nicht gewachsen sind, auf der Strecke bleiben.
    Wieviel gemütlicher und fröhlicher ging es da noch vor ein paar Jahrzehnten zu !
    WENIGER ist eben in vielerlei Hinsicht doch MEHR !
    Hab einen schönen, ruhigen, gemächlichen Tag und lass es dir gut gehen, lieber Horst !
    Herzliche Grüße von
    Laura, die nicht nur alte Möbel mit vielen, geheimnisvollen Schubladen mag, sondern auch alte, verwunschene Burgen, Schlösser und Häuser mit knarrenden, schweren Holztüren, die geradezu einladen, herauszufinden, was sich dahinter verbirgt.

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  2. Wie recht Du doch hast. Die Zeit - und ihre Kinder - verändern die Welt, und nicht unbedingt zum Positiven. Der Stress und die Hetze des Alltags sind nicht nur durch das berufliche Umfeld weiter gestiegen, vielfach ist es das persönliche Umfeld, das Anspruchsdenken und der unbedingte Wille, mit allen Anderen mithalten zu müssen.
    Wirklich ein falscher Weg.
    Alte und antike Gebäude üben auch für mich einen besonderen Reiz aus. Ich schließe da aber die (wenn auch stilechten) nachgebauten Kopien aus!
    Herzliche Grüße von Horst, dem nachdenkenden Individuum aus grauer Vorzeit.
    (Übrigens:28.)

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    1. Völlig richtig, lieber Horst, die Ansprüche sind enorm gestiegen. Die Werbung trägt dazu bei - der Rubel muss rollen und damit er rollt, muss konsumiert werden. Ein Teufelskreis aus dem es kein Entrinnen mehr gibt - oder vielleicht doch ?

      Kopien jeglicher Art verlieren einfach ihren Charme und ihren Seltenheitswert. Da stimme ich dir absolut zu.

      Aber nun lieber Horst, bin ich ein wenig irritiert, oder besser gesagt, sehr irritiert.
      Denn am 5.7.17 unter dem Titel „Morgens um halb Acht“ erwähntest du, dass es eigentlich der sechste Sept. sei. Gleichzeitig aber, dass bis dahin noch acht Monate Zeit sei. Also angenommen es ist der sechste Sept, dann wären es vom 5.7. ja nur noch zwei Monate und keine acht !? Rechne ich allerdings vom 5.7. acht Monate hinzu, dann wäre es der 6.3. ! Nun schreibst du es sei der 28. !
      Im 2. oder 3. oder gar noch im 1 Monat des Jahres ? Also der 28.1. ?
      Du siehst, es ist für mich eine unlösbare Aufgabe, für die ich noch eine kleine Hilfestellung benötige - bitte !

      Ich mag nachdenkende Individuen aus "grauer Vorzeit", weil man so viel von ihnen lernen kann. Im Übrigen zur Neuzeit gehöre auch ich schon sehr lange nicht mehr.
      Hab einen gemütlichen Abend, lieber Horst, und sei nochmals herzlich gegrüßt
      von Laura, die derzeit etwas irritiert ist.
      Mach's gut !

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  3. Jetzt werde ich Deine Mathe-Aufgabe mal lösen: "Morgens um halb Acht" ist eine rein fiktive Geschichte ohne sachliche Daten und Werte! Sozusagen eine "aus-dem-Bauch-heraus-Geschichte". Deshalb nicht weniger wahr, aber eben >fiktiv<
    Einen schönen Abend wünscht Dir
    Horst, der Träumer …

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  4. Lieber Horst,
    Auch in meiner Kindheit war die Wohnküche ein Treffpunkt.
    Damals gab es kein Telefon (zumindest bei den "normalen" Menschen), also kam man vorbei und plauderte miteinander.
    Seit es üblich geworden ist, Verabredungen zu treffen ohne Spontanität, ist die Einsamkeit oft der einzige Gast.
    Lieben Gruß
    Poldi

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  5. Ja Poldi, wie lange ist das schon her? Mir scheint, es sind Jahrhunderte.
    Heute "simst" man oder "chattet", bald weiss niemand mehr, wie man persönlich spricht, ohne die »sozialen Netzwerke« zu benutzen.
    Lieben Gruß auch von mir,
    Horst

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[B]Ich danke Dir für Dein Statement![b/]