22. Januar 2018

Die Schubladen


 Da steht er nun. Ein alter Sekretär, relativ antik, buchenlook, mehrfach aufgearbeitet. Ein ganz tolles Möbelstück, bestimmt älter als ich selbst. Ich sah ihn damals einsam an der Strasse stehen, auf den Sperrmüll wartend. Es ließ mir keine Ruhe, ich musste ihn einfach haben und nun steht er bei mir in der Diele. Jeden Morgen strahlt er mich an, es ist einfach eine Freude, diese alte Kommode zu sehen, ich vermute manches mal, dass dieser Sekretär sich genau so freut, wenn er mich sieht.

Das Interessanteste an ihm sind die vielen Schubladen. Es sind zwölf an der Zahl, acht kleine und vier große. Anfangs dachte ich im Stillen daran, dass dort irgendwelche Fundstücke zu entdecken wären, leider wurde ich da enttäuscht. Außer einigen alten Zeitungen von 1934, die dort als Bodenbelag dienten, gab es nichts zu entdecken. Aber auch diese erzählten mir sehr viel über die Zeit, als ich noch als Baby in der buchstäblichen Wiege auf meine Zukunft wartete.
Schubladen wecken stets in mir ein kindliches Bedürfnis, irgendwelche Geheimnisse zu erforschen. Wo aber fange ich hier an? Welche Schublade öffne ich zuerst? Sie sehen alle so ähnlich aus. Nehme ich die erste oder die letzte? Nehme ich die letzte, wird sie die die erste sein. Wenn ich aber die erste nehme, bleibt alles beim alten. Ich könnte natürlich auch die vierte oder sechste nehmen - aber, von woher zähle ich jetzt, von links oder von rechts? Ist das jetzt ein Schritt zur Weisheit? Gibt es die weise Erkenntnis in der Mitte oder eher an den Seiten? Es ist schon so, eine unbekannte Schublade zu öffnen bleibt schon ein Erlebnis.
Ich könnte die kleine dort ganz am Ende zuerst öffnen. Ist das vielleicht die Schublade der Vergangenheit? Die wollte ich eigentlich gar nicht. Dort die zweite, das könnte die der Freude sein. Gut. Wenn ich das so bedenke, sie könnte aber auch die Traurigkeit beinhalten. Also ich muss mich endlich mal entscheiden. Ich nehme einfach die grösste Schublade dort unten, fertig. Das ist die, in dem die alte Zeitung den Boden bedeckt. Ich lese auf diesem altersgebräunten Papier weiter.

Das steht also in der »Ostpommerschen Zeitung« in der Ausgabe des 28.Januar 1934. Ich staune. Da war die SPD noch eine Partei, die gegen die braunen Horden auftrat - auch wenn das nicht mehr viel nützte.
Da, die kleine Eckschublade ganz links ziehe ich ganz leise und behutsam heraus. Auch dort eine Papiereinlage auf dem Boden. Ein Bild in groben Rastern aus einer Zeitung, dann ein Text von 1934

Soso, denke ich, es gab sie also auch in anderen Ländern, diese Kzs. Ja, solch alte Schubladen bringen doch manches zutage, von dem man nichts wusste.
Noch einige Schubladen ziehe ich auf, manche leer, in einer eine alte Blechdose mit dem Aufdruck »Ich hab’s, URBIN!«. War damals die Schuhcrememarke in Deutschland.


Nachdenklich schaue schaue ich mir nun das alte Möbelstück an. Wie viele persönliche Schicksale waren wohl schon mit ihm verknüpft, wer alles hat diese Schubfächer tausend und mehr Male geöffnet. Ich komme ins Grübeln, aber all das Denken bringt mich nicht weiter, weil mir die Verbindung zu den speziellen Menschen halt fehlt. So werde ich diesen alten Sekretär auch weiterhin als ein exotisches Stück Vergangenheit betrachten, der mir zwar einige Anhaltspunkte gab, dann jedoch nur noch ein wissendes Lächeln für mich übrig hatte!

©by Wildgooseman

Kommentare:

  1. hochinteressant lieber Horst sind all diese Gedanken wenn du das alte - unzweifelhaft schöne Möbelstück dass irgendwann wartend auf den Müllwagen an der STraße stand - betrachtest und was dir dabei alles durch den Kopf geht.
    Wenn`s mir gehörte würde ich wahrscheinlich - all diese wunderschönen kleinen und auch großen Schubladen mit ganz unterschiedlichen gedanken, vielleicht auch Wünschen oder Erwartungen und Hoffnungen füllen/bestücken um mir dann, wenn ich bestimmtes daraus haben möchte oder brauche - hervorzuholen.
    (Um mich zu erinnern, um weiter zu wünschen dass es beispielsweise keine Kriege mehr gibt, dass niemand mehr hungern und darben muss, dass menschen besser, klüger oder gescheiter werden und..und,...und
    interessant sind auch die sehr gut erhaltenen Zeitungsnotizen die gut leserlich sind und ein Stück zeitgeschichte bedeuten die vor deinen Augen liegt.
    Ein Kleinod das hoffentlich einen gebührenden Nachfolger finden sollte um nicht wieder auf der Straße zu landen, das würde mich wirklich betrüben...
    herzlich - und gerne gelesen und geschaut
    angel

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  2. ich werde mich bemühen, dieses stilechte Stück in meinen Gedanken stets zu neuem Leben zu erwecken, liebe Angel!
    Alles Gute für Dich,
    Horst

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[B]Ich danke Dir für Dein Statement![b/]