19. Mai 2018

Ein ›wunderbares‹ Wunder



Ich schaue durchs Fenster in unseren Garten. Ist das nicht wunderbar? Das Gras, die Büsche, die Blumen, die Bäume, alles ist nur für uns gemacht. Jedenfalls glauben wir es.
Sieh doch, wie die Vögel beschäftigt sind, die Hummeln, die Ameisen. Sieh genau hin, wie die Sonne all das mit ihrer Wärme überschüttet.
Alles bewegt sich, alles wächst, blüht, verändert sich. Alles lebt!


Und doch: Leben auf unserer Erde, ist das einfach so natürlich? Kann das vielleicht nicht auch unnatürlich sein, dieses ›Natur pur‹? Denken wir an die eisigen Polargebiete, an feuerspeiende Vulkane. Was sind die glühenden Wüsten unter der Brise des heißen Windes? Unnatürlich, wie auch der zerstörerische Tsunami im Ozean? Haben wir die alles vernichtenden Erdbeben im Blick, auch das ist Natur pur? Ja, all das ist halt das Leben auf unserem Planeten!
Aber das Leben auf unserer Erde versucht, all diesen tödlichen Gefahren zu widerstehen. Das Leben kämpft, es will mehr! Und es sucht nach allem, was es dafür braucht. Das Leben sucht meist all das, was es nicht selbst hat. Das Leben raubt sich all das, was nötig ist, um eben zu überleben! 
Das Leben ist ständige Rebellion. Mit allen möglichen Mitteln und auf allen möglichen Wegen. Dafür tauscht das Leben alles, was zu seinem Zweck passt, und was sein eigenes Defizit ergänzen kann, um erfolgreich für seinen eigenen Schutz gegen die Natur zu kämpfen. Das ist enorm wichtig. Jeder bestätigt, verteidigt und fördert sein eigenes Selbst. Sieh hin, wie der Löwenzahn seine Blätter weit unten spreizt und das Gras abstößt. Und wie die Rosen ihre Dornen schärfen, wie die mutige Amsel die gierige Elster von seinen Jungen wegjagt.

Licht und Dunkelheit. Zwischen diesen Polen finden sich die Dinge in konstruktiven Wechselwirkungen. Sehen wir uns doch dieses Schauspiel des Seins an! Diesen Widerstand des Lebens gegen die Natur. Es passiert einfach, tausendmal und zu jeder Zeit, einfach unschlagbar.
Niemand muss irgendeinen Knopf drücken oder nach Lourdes pilgern, um Wunder zu erleben. Diese ›Wunder‹ geschehen einfach. Milliardenfach und in ganz gewöhnlicher Weise. So gewöhnlich, dass wir es kaum noch bemerken. Wir denken kaum darüber nach. Nehmen wir doch mal die Zellteilung.
Der gesamte menschliche Zellzyclus beispielsweise dauert etwa 19,5 Stunden. Das ist die Zeit zwischen zwei aufeinanderfolgenden Zellteilungen.
Ist das nun viel? Wie viel ist denn ›viel‹? Wie klein ist klein? Wie komplex ist komplex? Ist der Bodensee klein oder groß? Es kommt immer auf den Standpunkt an.


Ich schaue auf unseren Garten. Unser Garten. Unser? Aber was geschieht denn hier? Geben wir ihm das Leben? Können wir alles wachsen und blühen lassen? Sind es unsere Bakterien, unsere Mikroben, unsere Bienen oder Wespen, unsere Hummeln oder Mücken? Unsere Schwalben? Der Zaunkönig sieht keinen Zaun um unsere Gärten, für ihn ist alles frei, freie Natur! Wie der fliegende Flaum des Löwenzahns. Er fliegt, wohin er will, nicht wahr?
Ach ja, noch eine letzte Frage: Ist es unsere Erde, unsere Sonne? Unser Sonnenlicht, unser Chlorophyll?
Ja, dieses Wunder gehört uns, uns allen! Und wir sollen es bewahren. Ist das nicht wunderbar?


©byWildgooseman

17. Mai 2018

Du bist da!


Wenn ich so vor dir stehe, dann glaube ich, dass du auf mich gewartet hast! Warum? 
Nun, ich spüre deine Natürlichkeit, du bist besonnen, du lässt alle Schwierigkeiten einfach hinter dir, kämpfst nicht verzweifelt gegen etwas an, dass du doch nicht ändern kannst und sparst deine Kräfte für die Zeit danach.

Anscheinend kann dich nichts erschüttern. Wie machst du das nur? Lässt alles einfach abprallen, du trotzt allem, was dich bedrängt. Ich wollte, ich würde auch solch eine stoische Ruhe besitzen. Ich komme gern zu dir. Ich bilde es mir jedenfalls ein, dass du mich auch magst. Ich kann mich einfach zu dir setzen, ohne dass du fragst, woran ich denke! Und du stellst keine Forderungen an mich. du versuchst auch nicht, meinen Gedanken eine andere Richtung zu geben. Du erdrückst mich nicht mit deinen Wünschen, nimmst mir nicht den Atem zum Leben.

Weisst du, bei dir kann ich so sein, wie ich wirklich bin. Ich muss mich auch nicht verstellen, nicht etwas darstellen, das ich nicht bin, nicht sein kann! Und trotzdem darf ich zu dir kommen. Du bist direkt bei mir, ganz nahe; aber du lässt mir meine Freiheit, zu träumen, nachzudenken. Ich kann dir alle meine Sorgen beichten, du wirst sie nie weitererzählen. Da kann ich ganz sicher sein. Ich darf bei dir weinen, klagen, lachen. Oder auch ganz einfach glücklich sein.

Wenn ich bei dir bin, wenn ich neben dir auf dem Rücken liege, kann ich stundenlang den Wolken nachschauen, so völlig losgelöst von allem Ärger, allem Stress. Und wenn es auch mal faustdick kommt, du bist da! Dann darf ich dich ganz einfach anfassen und in mir wird alles ganz ruhig. Ich fühle, dass ich auf eine Art mit dir verbunden bin, die ich nicht erklären kann.
Und wenn sich dann dein uralter, rissiger Stamm fast unmerklich bewegt, höre ich im Rauschen deiner Blätter ein leises, aber für mich vernehmbares Flüstern: 
»Ich bin für dich da, Mensch, wann immer du mich brauchst!«
350 Jahre für einen Baum - was ist das schon?

15. Mai 2018

Stimmungen




Ein sanfter Hauch streift 
Durch Wald und Auen.
Wolkenbilder verzieren
Das Blau des Firmaments.
An grünen Zweigen hängt
Ein roter Sonnenball.

Mit Flötenklängen 
Singt eine Amsel den
Lauen Wind in sanften Schlaf.
Eine Kette wilder Gänse
Zieht mit hellem Schrei
Dem Fluss entgegen.


Ein schmaler Sonnenstrahl 
Bricht durch die Wolken.
Es riecht nach Regen.
Hinter dunklen Wäldern
Versinkt unendlich leise
Das Licht in der Unendlichkeit.


Die schmale Sichel 
Eines bleichen Mondes 
Zieht einem Segel gleich
Durch dunkle Wolkenmeere,
Vorbei an steilen Küsten -
Ohne Anfang, ohne Ziel.



©by wildgooseman

10. Mai 2018

Schwalben, die Mauersegler waren.



Manchmal geschieht es, dass wir durch einen Zufall auf etwas aufmerksam werden, das wir vorher nie richtig beachteten. Davon möchte ich kurz einmal etwas erzählen.
       Ich wohnte früher in einem kleinen Städtchen an der Elbe, genauer gesagt in Lauenburg. Eines Tages machte ich mich auf, um auf dem Speicher meines Hauses mal wieder so richtig ›Klar-Schiff‹ zu machen. Jeder weiss wie es ist, wenn man das Jahr über all das ablagert, was sich so ansammelt, irgendwann aber muss es ja auch mal entsorgt werden.
       Ich hatte am Tag zuvor schon ein Giebelfenster geöffnet - es später aber vergessen zu schließen. Da erschrak ich unwillkürlich durch einen Laut, der vom Fenster kam. In der Scheibengardine des Fensters zappelte etwas, von dem ich am Anfang nicht wusste, was es sein könnte. Es war eine Schwalbe, die sich dort wohl bei ihrer Insektenjagd verfangen hatte und nun nicht mehr loskam.
       Ich betrachtete das Tierchen nun etwas genauer. Nein, das war doch keine Schwalbe? Sie hatte zwar Ähnlichkeit mit diesen Vögelchen, doch bei genauerer Betrachtung konnte ich feststellen, das es exakt keine Schwalbe war! Nun wusste ich auch, dass es hier in der Umgebung gar keine Schwalben gab, weder Rauchschwalben noch Mehlschwalben, auch Uferschwalben wurden hier noch nicht gesichtet. In den Dörfern abseits des Elbstroms waren noch sehr viele Schwalben anzutreffen, eine wahre Augenfreude. Aber bei uns - nein, da gab es nur Mauersegler.
Junger Mauersegler



       Was heißt jetzt ›nur‹, es war einfach wunderschön, wenn diese pfeilschnellen Luftbewohner in elegantem Flug durch die Lüfte segelten. Und nun hatte ich ein Exemplar von ihnen leibhaftig vor mir. Ich löste die winzigen Krallen von der Gardine und nahm das kleine Wesen in die Hand. Die schwarzen Äuglein sahen mich an, als wenn sie um Hilfe bitten wollten. Ich weiß, es ist dumm - aber ich sprach beruhigend auf dieses kleine Tierchen ein, öffnete dann das Fenster weit und warf es in die Luft. Das Vögelchen entfaltete sofort seine Schwingen und stieg in den blauen Himmel empor.

***


Mauersegler, die zu keiner Schwalbenart gehören, sind seltsame Vögel, die ab Mitte Mai - nach einer Reise von rund 7000 km - bei uns für etwa 100 Tage leben und dann Mitte August schon wieder den Rückflug nach Afrika antreten. Bei uns in Lauenburg konnte man die Uhr danach stellen: Ab 15.Juli sammelten sich viele Hunderte von ihnen oben am Schlossberg!
 Ihr ganzes Leben verbringen die Mauersegler Tag und Nacht in der Luft. Essen, Schlafen, ja selbst die Paarung wird im Fliegen vollbracht.
Ihre Fluggeschwindigkeit kann bis zu 120 km/h betragen. Am Abend steigen sie 3000 -5000 m in die Lüfte zu einer Art Halbschlaf.
Natürlich können sie nicht in der Luft brüten, aber sie suchen ein Nest in alten Gebäuden (Mauerlücken, Dachüberstände). Sie kommen nie an den Boden, wenn sie sich vom Brutnest entfernen wollen, lassen sie sich einfach fallen und breiten dann ihre Schwingen aus. Die Jungen werden mit Bällchen gefüttert, die bis zu 500 Insekten enthalten. Zusammen mit ihrer eigenen Nahrung fangen sie 20.000 Insekten pro Tag. Die Jungen bleiben viel länger im Nest als andere Jungvögel, bis zu 40 Tage. Für sie ist es auch kein Problem, einige Tage ohne Nahrung zu bleiben. Sie üben mit ihren Flügeln im Nest, denn wenn sie etwa Mitte Juli ihr Nest verlassen, müssen sie ohne Unterbrechung fliegen können.
Ich wusste es damals noch nicht, als ich diesen Mauersegler bei uns in der Gardine fand: aber ich tat das einzig Richtige, indem ich ihn einfach hoch aus dem Fenster warf! So konnte er seine Jahre des ununterbrochenen Fliegens beginnen.
Mauersegler im eleganten Flug
Selbst einfache Dinge, die wir ohne großes Nachdenken tun, können in unserer Welt ein Wunder sein. Eines ihrer großen Wunder aber ist das Leben dieser kleinen Mauersegler!

9. Mai 2018

Traum vom Märchenland

Können Regentropfen reden, während sie zur Erde fallen? Kann es sein, dass sie es nur eilig haben hinunterzukommen? Hätte vielleicht jeder seine eigene Sprache um die Geschichte seines Bruders zu empfinden und zu hören? Oder ist es so, dass alle gleich sind ohne Sinn und eigene Bedeutung und sie hätten sich nichts zu sagen?
Kommt, Freunde, lasst uns doch die Welt einfach mit Märchenaugen sehen, lasst die Hoffnung den Schmerz ausser Kraft setzen und Freude die Oberhand gewinnen. Seht doch, wie viel Licht  hinter dem Schatten ist! Und bitte sprecht leiser, damit die Träume sich nicht fürchten, sie sind doch sehr schreckhaft.
Das Negativum in der Welt versucht immer wieder, lauter zu reden oder sogar zu schreien, damit es sich hinter dem Schleier des »Nicht-verstanden-werden« verstecken kann. Lassen wir es nicht zum Führer durch unser Leben werden und unsere Sinne gefangen nehmen.dompfaff
Hört ihr den Wind stöhnen und voller Wehmut dahinziehen? Er weht bis zum Gespinst unserer Traumbilder, gleitet weiter in die Unendlichkeit und lässt uns zurück, wenn wir nicht darauf achten. Dann aber ist es zu spät, denn wer nur noch Rückschau hält, verliert den Kontakt zur Gegenwart. Die dann davon hervorgerufene Wirklichkeitsebene wird von unseren Traumschleiern verdeckt, öffnet eine Tür ins Unendliche mit einem Blick auf das Nichts! Wer will das?
 Franz Kafka sagt:
Das Glück begreifen, dass der Boden, auf dem Du stehst, nicht größer sein kann, als die zwei Füße die ihn bedecken.“
Dieses Glück zu haben, zu vervollkommnen, ist eigentlich das Glück überhaupt. Was wissen wir, was erinnern wir noch von dem, das für uns einst selbstverständlich war? Wir wussten doch schon als Kinder, dass Schneeflocken, diese einzigartigen unverwechselbaren Gebilde, weinen können! Wir vergaßen es. Natürlich, die Realität des täglichen Lebens macht es keinem Menschen leicht, in den lichten Höhen der Märchen zu leben.
Aber gerade dieses Nichtwissen und dennoch erinnern macht uns zu einzigartigen Geschöpfen.
 Wir dürfen das Wunderbare des Lebens erkennen, wenn wir es nur zulassen. Wir schauen bis zum Horizont, der so fern scheint, doch ein kleiner Schritt reicht, dass er uns gehört.
Das geht nicht? Hast du es mal versucht? Als Kind konntest du es, dir gehörte die ganze Welt. Dann holte die Realität dich ein, von diesem Moment an sprachen die Regentropfen kein Wort mehr, die Schneeflocken weinten nie wieder.
Still! Hörst du sie wieder? Wenn sie schweigen, bist du noch nicht wieder im Märchenland angekommen. Aber du bist auf dem richtigen Weg. Ganz gewiss, denn du träumst wieder.

7. Mai 2018

Die Zeit, die wir haben

Leise klopft der Regen gegen das Fenster. Die eigene Einsamkeit zählt ihre Sekunden, langsam klopft auch der Sekundenzeiger die Zeit weg. Tick-Tack-Tick-Tack … Ist  jemand bereit, die aufzuhalten? Niemand kann die Zeit anhalten. Warum sie nicht einfach stoppen? Halt, und jetzt bitte rückwärts. Aber die Zeit vergeht. Langsam, schnell, je nachdem, wie man es fühlt. Wie man sich fühlt. Wartest du, werden die Sekunden zu Stunden. Befindest du dich mitten in einem Ablauf, werden Stunden zu Sekunden. Die Zeit vergeht, Zeit, die wir niemals wieder zurückbekommen. Vorbei, vergangen, ausgelöscht? Was bleibt von dieser Zeit? Nur Gedanken, Erinnerungen? Zeit, welch ein wunderbares Wort ist dieser Substantiv! Wie viel Erwartung liegt darin, welche Hoffnung vermittelt dieser Ausdruck für das Leben.
Viel Zeit haben! Ist das nicht ein gewaltiger Moment des Glücks? Kann das nicht bedeuten: Ich muss mich nicht beeilen, ich kann alles in der Form machen, in der Ruhe fertig bringen, wie ich es für richtig halte? 
Zeit haben! Ich habe Glück, denn ich habe Zeit, Unmengen von Zeit …
Aber welch eine Drohung kann dieses Wort»Zeit« beinhalten. Vier Worte, die Angst machen, die das Herz schneller schlagen lassen:
Ich habe keine Zeit mehr!
Spürst du die Eiseskälte, die dahinter steckt? Wie eine stählerne Wand steht dieser direkte Ausdruck vor dir, hinter dir. Überall ist sie im Raum vorhanden. Das Schlimmste dabei: Du kannst ihr nicht ausweichen, diese Drohung, lässt dich einfach nicht mehr aus ihren Fängen! »Ich habe keine Zeit mehr«.
 Da drängt dich jemand zu etwas, das du im Grunde deines Herzens gar nicht willst. Du möchtest die Hände in den Schoß legen, aber jemand verhindert das. Warum? Weil du keine Zeit mehr hast. Vielleicht hast du sie ja vertrieben, durch irgendeinen »Zeitvertreib«? Und nun ist sie weg, deine Zeit.
Nein, nein, noch ist sie da, du hast noch genügend Platz, hast noch Spielraum, um sie zu würdigen, deine Zeit! Nütze sie. Die Zeit, die wir bekommen  haben, ist unsere Zeit. Unsere Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft! Alles im Leben wird von unserer Zeit abgezogen. Jede Sekunde, Minute, Stunde. Deshalb ist es so wichtig, diese Augenblicke zurückzubringen, weil sie zu unserer Zeit gehören, diese Gedanken und Erinnerungen.
Sie ist zwar vergangen, kommt niemals mehr zurück, aber wir können uns daran erinnern, an diese unsere Zeit! Mehr als dies ist nicht möglich. Auch wenn ich darüber schreibe, ist dies nur ein Tropfen, der auf einem heißen Stein sofort wieder verdampft.
Und dennoch: Wir sollten behutsam mit unserer Zeit umgehen, denn mehr als wir heute haben, werden wir nie wieder bekommen …
©by Wildgooseman



3. Mai 2018

DER NARR, von Gottfried Hanisch


Ein Mann hatte einen großen Terminkalender
und sagte zu sich selbst:
"Nun sind alle Termine eingeschrieben,
aber noch sind die Tagung 'X' und die Tagung 'Y',
die Sitzungen der Synode und des Gemeinderates
nicht eingeplant."


Und er kaufte sich einen größeren Terminkalender
mit Einteilungsmöglichkeiten der Nachtstunden,
disponierte noch einmal, schrieb
alle Tagungen und Sitzungen ein
und sagte zu sich selbst:
"Nun sei ruhig, liebe Seele,

du hast alles gut eingeplant.
Versäume nur nichts."


Aber je weniger er versäumte,
umso mehr stieg er im Ansehen
und wurde in den
Ausschuss 'Q'
und in den Ausschuss 'K' gewählt,
zweiter und erster Vorsitzender,

Präsident,
und eines Tages war es dann so weit,
und Gott sagte:


"Du Narr,
diese Nacht stehst du
auf meinem Terminkalender!"



2. Mai 2018

Wer ist unfehlbar?


Über einen alten griechischen Philosophen ist eine Legende bekannt.
Einige seiner Schüler überraschten ihn bei einer unmoralischen Tat. Dabei ist nicht bekannt, was dies für eine Tat war, der Fantasie ist da Tür und Tor geöffnet.
Seine Schüler wurden furchtbar wütend. »Ausgerechnet Du – der uns in Fragen philosophischer Ethik und Moral erziehst – wie kannst du nur?!«
Der Philosoph nahm es gelassen: »Also, ich lehre euch doch auch die Grundlagen der Trigonometrie! Sehe ich deshalb aus wie ein gleichschenkliges Dreieck?«

Warum eigentlich ist es anstößig, wenn unsere Vorbilder, unsere Eltern, unsere geistlichen oder politischen Persönlichkeiten sich in unseren Augen unmoralisch aufführen? Sie sind doch auch Menschen, wie auch wir selbst anfällig dafür, Fehler zu machen. Was hebt sie denn darüber hinaus?
Der Zwiespalt zwischen ihrer vorgeblichen Selbstverwirklichung und ihrem vielleicht lasterhaften Benehmen passt uns nun überhaupt nicht. Weil wir uns ein anderes Bild von ihnen gemacht haben - oder weil wir es uns nicht vorstellen können, dass sie auch Fehler machen können?


Spirituelle Ausrichtung kann sehr erfreulich und aufregend sein; ein persönliches Laster aber aufzugeben, ist weniger glanzvoll und überhaupt nicht erfreulich. Es ist verführerisch, unsere eigene Selbstzufriedenheit durch übertriebene Aufmerksamkeit bei unmoralischem Verhalten anderer Menschen wachsen zu lassen, anstatt es bis zum Ende zu bekämpfen. Geistiges Vorankommen wirkt nicht, wenn es nicht mit ernsthafter Impulskontrolle und Selbstdisziplin einhergeht!

Es ist so eine Art ›inneres Opfer‹, das nicht leicht ist, darüber hinaus auch für die Öffentlichkeit nicht sichtbar ist.
Unser Geist mag ja ausgiebig von innerer Erhabenheit träumen - unsere Füße stecken immer noch im Schlamm des normalen Lebens fest! Es gibt einfach auf der ganzen Welt auch nicht einen einzigen Menschen, der sagen könnte, dass er ›vollkommen‹ sei!
Denken, dass man es gern wäre, ist immer erlaubt.
Die Quote der Möglichkeit jedoch liegt bei weniger als 0,01 %.

©by Wildgooseman

1. Mai 2018

Was ist Schuld


Oftmals glaubt man die Wege zu kennen, auf denen man wandert. Da stehen noch die vertrauten Pappeln an der Straße, das alte Haus im Stil der Gründerjahre dort drüben hat ein neues Dach bekommen, die alte Bank unter der Linde wurde erneuert. Die Wege bleiben meist die gleichen, dennoch verändert sich manches, wenn man es lange nicht gesehen hatte.
Die alte Kirche - am Giebel die Jahreszahl 1431 - hat immer noch das gleiche Aussehen. Feldsteine als Basis und darüber die Backsteine im alten Klosterformat. Der jüngere Turm ragt schlank in den Himmel hinein, als wolle er den Menschen beweisen, dass er ein Wegweiser wäre. Wohin? Ist es wichtig, dies zu wissen?

Wer sucht sich die Wege schon selbst aus, die er geht? Natürlich glaubt jeder Mensch, er hätte es immer in der Hand, wie sein Leben verläuft. Das aber ist ein Irrglaube. Gewiss, die Richtung kann jeder schon selbst bestimmen, dann jedoch beim kleinsten Irrtum verläuft alles völlig anders, als er es einmal geplant hatte. So wird man leicht zum Spielball des Schicksals.


Wenn man zurückdenkt an frühere Zeiten, fühlt man oft Bedauern oder ein Schuldgefühl? Warum - es ist das eigenes Leben, jeder lebt es ganz allein. Es gibt dabei nichts zu beschönigen und es gibt nichts zu verherrlichen!
Schuld spielt im eigenen Leben ja eigentlich immer nur die Rolle einer Frage, ob sich Gebote oder Verbote wegen eines Dilemmas nicht ermitteln lassen. Wenn jemand etwas nicht weiß, beziehungsweise nicht einsehen kann, wird es meist als Schuldlosigkeit des eigenen Ichs angenommen.
Schuldgefühle werden in der Kindheit erlernt, wenn Eltern oder Autoritätspersonen Verbote aussprechen und dann ohne nachvollziehbare Rechtfertigungen Strafen androhen, wenn diese Verbote nicht befolgt werden. Daraus erwächst das Schuldgefühl bei den Kindern, die oft das ganze Leben lang die Oberhand behalten.
Davon sich freisprechen, dazu gehört auch Mut, aber es befreit von einer Last, die keiner mit sich herumtragen muss!

©by Wildgooseman



27. April 2018

Wenn der Wald stirbt







By H.C.G.Lux

Wenn der Wald stirbt,
schweigen die Tiere.
Sie können nicht klagen,
sich auch nicht wehren,
Asphalt und Beton
sind stärker als sie.

Wenn der Wald stirbt,
weinen die Vögel.
Sie können nicht singen
nicht im Lenz jubilieren,
in kahlen Zweigen
gibt es kein Nest

Wenn der Wald stirbt,
erschrecken die Menschen;
sie könnten schreien,
doch es hört keiner mehr,
denn ohne Wälder
stirbt auch das Leben.

©by Wildgooseman