19. Februar 2018

Resignation

Ludwig Thoma




Es gibt noch Leute, die sich quälen,
Aus denen sich die Frage ringt:
Wie wird der Deutsche nächstens wählen?
Wie wird das, was die Urne bringt?

Die Guten! Wie sie immer hoffen!
Wie macht sie doch ein jedesmal
Der Ausfall neuerdings betroffen!
Als wär' er anders, wie normal!

Wir wissen doch von Adam Riese,
Daß zwei mal zwei gleich vieren zählt.
Und eine Wahrheit fest wie diese
Ist, daß man immer Schwarze wählt.

Das Faktum läßt sich nicht bestreiten,
Auch wenn es noch so bitter schmeckt.
Doch hat das Übel gute Seiten:
Es ruhet nicht auf Intellekt.

Man muß die Sache recht verstehen;
Sie ist nicht böse, ist nicht gut.
Der Deutsche will zur Urne gehen,
So wie man das Gewohnte tut.

Wer hofft, daß es noch anders würde,
Der täuscht sich hier, wie überall.
Die Schafe suchen ihre Hürde,
Das Rindvieh suchet seinen Stall

Ludwig Thoma, 1867-1921





15. Februar 2018

Schlechte und gute Nachrichten



Täglich lesen oder sehen wir die neuesten Nachrichten, aus Stadt und Land, von fern und nah. Meist sind es schlechte Fakten, die uns da zugeführt werden und die wir uns ansehen, ob wir es wollen oder nicht.
Meist sind es schlechte Nachrichten: Krieg, Vertreibung, Mord und Totschlag, blutige Neuigkeiten eben, die das Herz des Lesers oder Zuschauers unruhig werden lassen. Es sind immer »bad news«, die uns zuerst über die Medien erreichen. Sollte es einmal anders sein, dann ist es Klatsch und Tratsch über die sogenannten V.I.P.s, die glauben, die Welt und was dazugehört, wäre nur für sie geschaffen. Sie werfen dann ihr eisgefrorenes Lächeln in die Kamera zusammen mit einer Reihe von einstudierten Gesten, freuen sich am nächsten Tag über die Einschaltquoten, die irgendwo veröffentlicht werden. Kann aber auch sein, das sie verzweifelt sind, weil ihre Quote mal nicht die des nächsten Konkurrenten erreicht!

Es ist immer eine schreckliche Realität, die sich da breitmacht. Wenn wir uns nun von so vielen negativen und elenden Dingen beeinflussen lassen, dann bleibt kein Platz mehr für Freude, Zufriedenheit und Hoffnung. Wir wissen alle, dass diese Nachrichten existieren, dass sie real in unserer Welt herrschen und selten frei erfunden werden. Warum hängen wir so an diesen Neuigkeiten? Ist es reine Neugier?


Die beste Neuigkeit, die wir schon früh am Morgen erfahren können, ist, dass die Sonne für uns wieder aufgegangen ist! Ist uns das wirklich so egal? Oder macht es keinen Unterschied, weil es wieder ein Tag mit neuen Problemen sein wird? Ist es vielleicht ein Tag, an dem wir etwas gewinnen können, an Zuversicht und Hoffnung und Liebe?

Vielleicht hilft da ja ein kleines Gebet. Um Kraft bitten, um die Stärke, die wir brauchen, um das, was da auf uns zukommt, bewältigen zu können. Wir haben doch die Möglichkeit, um zu prüfen, ob wir genug Festigkeit haben, um Probleme anfassen zu können. Warum es nicht versuchen?
Wir können natürlich scheitern. Klar. Aber wenn wir keinen Versuch unternehmen, haben wir doch schon verloren! Auch aus tiefer Traurigkeit heraus entsteht oft eine Stärke, die einen Neuanfang ermöglicht!

Kämpfen! Immer wieder und wieder versuchen. Dabei werden die Füße schmerzen, die Hände verkrampfen sich immer und immer wieder! Der Kopf scheint nicht mehr zu wissen, wo oben und unten ist!
Das aber ist dann der Moment, wo man anfängt zu siegen, wo der Traum wahr werden kann! 
Es gibt einen Satz der ist so dumm wie einfach:
Träume nicht dein Leben sondern lebe deinen Traum!
Aber: Wer seinen Traum leben will, muss aufhören, real zu denken. Wer im Leben bestehen will, darf nicht wirklichkeitsfremd sein und utopische Einfälle haben, die illusionär sind. Und dennoch sind es auch die traumhaften Dinge, die uns immer in ihren Bann ziehen. 
Für viele Menschen auf der Erde ist fast üblich, zum Beispiel den Regen als Problem zu betrachten. Das ist dann verständlich, wenn man die Umstände kennt, in dem diese Menschen dort leben. Sie träumen vielleicht davon, in einer warmen und trockeneren Region leben zu dürfen.
Aber es ist doch nicht alles Sturmflut und Überschwemmung und eine massenvernichtende Katastrophe.- Wenn wir genau hinsehen: Wie wunderschön ist doch solch ein einzelner Wassertropfen und wie schön so ein Fluss, der durch die Auen dahingleitet. Wir brauchen das alles, den Regen, die Kälte, die Hitze, und all die anderen Dinge auch.

Lasst uns unsere Erwartung, unseren Glauben, unsere Hoffnung auf den setzen, der alles gemacht hat, der alles weiss und alles kann, der uns mit einer Liebe liebt, die wir nie werden erklären können, weil unsere gedankliche Beschränkung es nicht erlaubt. 
Denken wir doch immer an die Schönheit der Schöpfung, es ist keine Welt, die für Trauer und Verzweiflung geschaffen wurde. Wir wollen Hoffnung, Vertrauen und Liebe bewahren, weil sie uns gegeben sind. Es ist keine Welt, die für unsere Verzweiflung gemacht wurde!
Vielleicht habe ich damit zu viel gesagt, mag sein, ich weiss aber, dass es ein Grund ist zu wissen, dass Gott existiert und uns allen die Kraft gab zum Leben! Versuchen wir es, allen News und Schreckensmeldungen zum Trotz.

©by wildgooseman

11. Februar 2018

Ich will kein anderer sein


Ich will kein anderer sein, 
als ich bin.
In einer Welt, die immer nur 
ihr Bestes tut, bei Tag und Nacht,
um mich zu einem Teil 
von sich zu machen,
einzuverleiben in ihren Mechanismus.

Ich will nichts anderes sein,
als ich es bin, 
voll Unzulänglichkeit
und vieler Fehler.
Ich werde kämpfen
wie zu allen Zeiten schon,
durchstehen, nie aufhören, 
solange ich auf Erden bin.


Ich will kein Anderer sein, 
als der ich wirklich bin.
Ein Menschenkind,
das gegen Ungerechtigkeit 
und Dummheit kämpft, 
ganz gleich, ob ich daran 
verzweifeln werde.
Ich bleibe ich für alle Zeit.


©by Wildgooseman 

8. Februar 2018

Quid est veritas?




Es gibt drei Wege der Definition in der Philosophie:          
a) Wahrheit = Zu sagen wie es wirklich ist.
b) Wahrheit = Was mit der Realität übereinstimmt. 
c) Wahrheit = Was zu ihrem Sinn passt.

Was ist Wahrheit?
Bekannt ist der Ausspruch des Pontius Pilatus aus dem Neuen Testament der Bibel. Was ist Wahrheit? Auch der Statthalter Roms wusste darauf anscheinend keine Antwort. Wer sagte die Wahrheit? Am Ende liess er die Wahrheit einfach in der Gosse liegen und begnügte sich damit, wiederzugeben, was er von anderen hörte.
Christus vor Pilatus, Gemälde von Mihály von Munkácsy, 1881

Für die Kirche war es in den ersten Jahrhunderten angenehm zu glauben, dass Pilatus den Galiläer Jesus nicht hätte verurteilen dürfen und dass er das auch selbst erkannt hatte. Die Geschichte wurde wieder einmal verletzt, wie schon vorher so oft. Wer eigentlich glaubt daran, dass es Wahrheit in der Weltgeschichte gäbe, wenn die Ereignisse jeweils ein Jahrhundert danach aufgezeichnet würden? Was also ist Wahrheit? Was ist Lüge? Pilatus hat Jesus verurteilt. Das Zitat zu diesem Fakt stammt von einem antiken Geschichtsschreiber, in dem sowohl Richter als auch Verurteilter zu finden sind, es stammt von Tacitus. Er schreibt etwa 70 Jahre später über die Christen, denen Kaiser Nero angeblich den Brand Roms in die Schuhe geschoben hatte: »Der, von dem dieser Name ausgegangen, Christus, war unter der Regierung des Tiberius vom Prokurator Pontius Pilatus hingerichtet worden …«
So kehren sich die Verhältnisse im historischen Gedächtnis um. Denn während die Anhänger Christi das römische Weltreich – und später die halbe Welt – erobern, bleibt für den Statthalter kaum mehr als die Rolle einer Fussnote, die diese Lebenszeit eines Religionsstifters enthält. Nichts bleibt von ihm übrig, er wird 37n.Ch. nach Gallien versetzt und stirbt dort als Randfigur der Geschichte. Wir sollten daher nicht fragen, ob die Wahrheit bereits von dem Mann in Frage gestellt wird, der diese bedeutungslose Frage gestellt hat: »Quid est veritas?«
Es geht doch weiter und weiter mit Wahrheit oder Nichtwahrheit. Zu lügen oder nicht die Wahrheit zu sagen, um jemanden nicht zu verletzen oder eine Realität zu verstecken, ist etwas, was wir alle schon einmal in unserem Leben getan haben, wir wollen uns da doch nichts vormachen. Wir fürchten uns davor, anderen wehzutun. Wir schämen uns vielleicht davor, was andere von uns denken könnten und wir weigern uns, unsere Gefühle zu zeigen.

Aber wenn wir nicht die Wahrheit sagen oder auch nur die Hälfte versteckt halten, dann bewirkt das doch etwas in uns. Es erinnert uns daran, dass wir nicht ehrlich mit uns selbst sind! Wir spüren genau, dass dies falsch ist. Vielleicht ist es genauso verwerflich, zu lügen, wie nur die halbe Wahrheit zu sagen?
Manchmal verbergen wir unser wahres Alter, warum eigentlich? Wir verstecken unsere Gefühle, verbergen wichtige Dinge, von denen wir glauben, dass sie nur uns etwas angingen. Dieser Beweggrund kann uns jedoch schnell in eine fremde Realität versetzen. Er kann uns zu jemand anderem werden lassen, als der oder die wir wirklich sind!

Ehrlichkeit ist eine der fundamentalsten Eigenschaften, die nötig sind, um mit anderen Menschen positiv zu interagieren. Es ist unabdingbar für uns, darauf zu achten und sie zu respektieren, damit sie uns in all unseren Taten und Worten begleitet.
Wir sollten nicht vergessen, Unwahrheit entsteht meist durch Angst, es ist eine Emotion, die uns vor vermeintlicher Gefahr beschützen kann. Aber so wie jede andere Emotion können wir sie auch kontrollieren! Neurowissenschaftler haben sich die Frage gestellt, ob Angst ein einfacher Verteidigungsmechanismus gegen psychosoziale Gefahren ist, der uns dazu bringt, die Tatsachen mit Gewalt zu vergessen oder zu verstecken, von denen wir aber wissen, dass sie wahr sind.
Die Wahrheit zu sagen ist tatsächlich manchmal eine Tat, die grossen Mut erfordert. Es heisst, direkt aus dem Herzen heraus sprechen und das zu sagen, was wir wirklich denken. Wir verstecken uns dabei nicht hinter einem falschen Schein. Mutig zu sein heisst, in jemand anderes Augen zu schauen und ihm zu sagen, dass wir ihn lieben, oder dass wir ihn nicht mehr lieben. Es heisst dafür zu sorgen, dass unsere Seele und unser Herz durch Worte, die aus unserem tiefsten Inneren kommen, im Einklang sind.
Die Wahrheit wird sowohl von Lügen als auch von Stille gestört.
-
Marco Tulio Cicero-
Wenn wir die Wahrheit sagen, dann stehen wir irgendwie nackt vor anderen da. Wir zeigen uns dann so, wie wir wirklich sind. Das aber kann uns Angst machen. Und deshalb kommt dann die Lüge ins Spiel. Warum bitten wir nicht um Verzeihung, wenn wir etwas falsch gemacht haben? Was hindert uns daran, dann die Wahrheit zu sagen? Ist es die Selbstdarstellung, die wir von uns machten, und die nun nicht zerstört werden soll? Fällt uns dann ein Zacken aus der Krone, die wir uns selbst aufsetzten? Wir alle machen doch Fehler in unseren Leben, täglich. Wenn wir zum Beispiel versuchen, einen anderen Menschen in Schutz zu nehmen, verstecken wir auch schon die Wahrheit. Aber sie kommt immer ans Licht und der Fehler wird bekannt werden, so oder so.
Um Entschuldigung bitten ist immer hilfreich, ehrlich sein und sich hinterher wohler fühlen ohne diesen Druck auf dem Herzen! Fehler zu begehen ist menschlich. Wir tun es unbewusst und das Einzige, was wir versuchen sollten zu tun, ist, eine Lektion daraus zu ziehen und dafür zu sorgen, dass er nicht nochmal passiert. Es geht darum, über das nachzudenken, was geschehen ist und ehrlich mit uns selbst und allen anderen zu sein.

Warum lügen die Menschen in ihrem Leben? Generell aus drei verschiedenen Gründen: um sich an feindliche Umgebungen anzupassen, um Strafen zu vermeiden oder um Belohnungen oder Gewinne zu erhalten. Manchmal lügen Menschen auch, wenn sie sich angegriffen fühlen, um akzeptiert zu werden. Und manchmal, um der Verantwortung für irgend eine Tat zu entgehen oder sie lügen über bestimmte Fähigkeiten, um an einen Job zu kommen. Die Unwahrheit also, um belohnt zu werden! 

Wahrheit wird aber auch dann zur Lüge, wenn jemand die Aussage macht, dass er »dieses oder jenes« nie gesagt hat oder dies vehement abstreitet, unter dem Vorwand, sich nicht mehr zu erinnern. Lügen haben immer einen direkten Einfluss auf unser Selbstbewusstsein. 
Strassenfiguren, Xanten, Ndrhn

Wir lügen, wenn sich unser Ego bedroht fühlt oder wenn wir einen Vorteil aus der Situation ziehen wollen. Die Lüge ist quasi ein Verteidigungsmechanismus, eine Waffe, um überleben zu können. Wichtig aber ist, dass wir zwischen den Menschen unterscheiden, die sich schuldig fühlen und Reue zeigen, und jenen, die überhaupt nichts fühlen und am Ende wirklich noch ihre eigenen Lügen glauben.

Wir sollten nie vergessen, dass die Dinge, die wir verstecken und dass das, was wir nicht sagen, früh oder spät immer ans Licht kommt. Die Wahrheit findet immer einen Weg, sich selbst zu zeigen, denn die Wahrheit befriedigt unsere Seele und macht sie frei.
Die Frage »Quid est veritas«, die damals gestellt wurde, müsste umformuliert werden, damit sie korrekt ist. Denn dieses »Was ist Wahrheit?« übersieht die Tatsache, dass Vieles eine Wahrheit haben kann, aber nur Eines die Wahrheit sein kann. Sie muss also irgendwo einen Ursprung haben!

Die Realität ist, dass Pilatus vor über 2000 Jahren direkt vor der ursprünglichen Wahrheit stand. Denn bevor Jesus festgenommen wurde und zu ihm gebracht wurde, machte er schon eine einfache Aussage
»Ich bin die Wahrheit
« . Das war schon bemerkenswert. Wie kann ein einfacher Mensch die Wahrheit sein? Das ist unmöglich, ausser er ist mehr als ein einfacher Mensch. Jesus Behauptung wurde in dem Moment validiert, als er von den Toten auferstand!


Pilatus erkannte wahrscheinlich nie die Wahrheit. Eusebius, der Historiker und Bischof von Cäsarea, hält fest, dass Pilatus letztendlich - während der Herrschaft des Kaisers Caligula - Selbstmord beging, ein wahrhaft trauriges Ende. Es ist aber deshalb auch ein Denkanstoss für alle Menschen, weil Wahrheiten, die ignoriert werden, sehr oft bittere Konsequenzen nach sich ziehen.

Was also ist Wahrheit?
Ein Wort von Søren Kierkegaard zum Schluss:
Je mehr Leute es sind, die eine Sache glauben, desto grösser ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Ansicht falsch ist! Menschen, die Recht haben, stehen meistens allein.


©by Wildgooseman


30. Januar 2018

Bin ich jetzt alt?


Einst hab ich dich bewundert,
Du Spinnwebfaden
Im ersten Raureiflicht des Winters.
War fasziniert von deiner Schönheit,
Dieser filigranen Technik der Natur
Das zwischen Tannenzweigen
Ein kurzes Dasein zauberte.

Seit ich nun - in meinen Jahren -
Mit dieser herrlich weißen. 
Schönheit auf dem Kopfe 
Konkurriere, lässt mich 
Dieses Wunder kalt.
Werd' ich nun langsam alt?

©by wildgooseman

24. Januar 2018

Küchengeplauder


Küchen hatten auf mich schon immer etwas anheimelndes. Im Grunde genommen gehört eine Küche zum wichtigsten Raum einer Wohnung, sie ist sozusagen die Zentrale eines Hauses. Hier wird über die gute oder schlechte Laune der Bewohner mit entschieden, da das leibliche Wohl unzweifelhaft das Hauptanliegen der Familie ist.
Ich erinnere mich an die Küche meiner Großmutter, die ich etwa im Alter von 5 Jahren bewusst kennen lernte. Ein riesengroßer Raum mit drei Fenstern, mehrere Schränke in unterschiedlicher Größe sowie ein riesiger Tisch, der immer mit einer Wachstuchdecke belegt war. Der Fußboden bestand aus roten Ziegelsteinen, die zweimal jährlich mit roter Farbe (Caput mortuum) überstrichen wurde. Die vorherige Generalreinigung brachte die gesamte Küche in einen unwahrscheinlichen Glanzzustand der eigentlich nicht notwendig war, weil Großmutter stets sehr großen Wert auf Sauberkeit in ihrem Reich legte!
Ich kann mich nicht erinnern, dass ich diese grosse Küche jemals ohne Menschen gesehen habe. In der Küche traf sich die Verwandtschaft, hier wurde die Nachbarschaft empfangen, hier wurden Neuigkeiten ausgetauscht, manchmal auch Klatsch verbreitet. Am Küchentisch sassen wir manchmal mit bis zu zehn Personen bei einer Mahlzeit zusammen. Wir ließen uns das gut vorbereitete Essen schmecken, die leckere Suppe, eine gute Hauptmahlzeit und auch das Dessert in mannigfaltiger Form. Selbst in den Tagen des Krieges, als alles fehlte und der Mangel das Hauptprodukt war, - hier in Großmutters Küche war immer etwas zu bekommen. Der Himmel mag wissen, woher oft diese Köstlichkeiten kamen! Vielleicht lag es an den guten Beziehungen zur alten dörflichen Familie außerhalb der Stadt?
Da hing tatsächlich noch eine Anzahl von Dauerwürsten zwischen den Deckenbalken der Küche, während darunter in einem Eck kleine Wäsche trocknete, ebenso wie auch an der umlaufenden Stange des gewaltigen Kohleherdes. Dessen Backofen brachte oft die wundersamsten Brote und Kuchen ans Tageslicht!
Auf dem Herd köchelte immer eine Emailkanne mit Kaffee, das war aber selten Bohnenkaffee, sondern eine Art geröstete Gerste, die dann als Kaffee fungierte.
Das Geschirr, das Großmutter in der Küche benutzte, war sicher kein Meissener Porzellan. Es war Steingut in einer blaugrauen Farbe.
Aber wir liebten Omas Tassen und Teller, vielleicht auch deswegen, weil es stets mit Inhalt versehen war. Brot war immer vorhanden, auch in den schwierigen Kriegstagen, Fleisch brachte Großmutter oft mit, wenn sie ihre Verwandtschaft in den Dörfern besuchte. Kartoffeln und Gemüse kamen aus dem eigenen Garten. So kann ich mich nicht erinnern, bis zum Ende des Krieges trotz der minimalen Zuteilung auf den Lebensmittelkarten jemals gehungert zu haben!
Die wöchentliche Badeprozedur während meiner Besuchswochen bei der Großmutter war allerdings nicht unbedingt eine Sache, die ich liebte. Da war eine grosse Zinkwanne, die aus irgendeiner Versenkung plötzlich auf dem Boden stand, ein Waschkessel mit heißem Wasser stand bereits auf dem Herd, dieses wurde dann in die Wanne geschüttet, diese dann mit kaltem Wasser aufgefüllt. Der kleine Junge - ich - bekam dann die Übermacht der Erwachsenen zu spüren, mit Zeter und Mordio ging es sodann in die Wanne und damit zu Werke! Ich spüre die Seife(!) heute noch in den Augen. (von wegen Duschgel und Badezusatz).
So war es in der alten Küche, hier wurden während der Arbeit Lieder gesungen, abends Spiele mit der ganzen grossen Familie gespielt - es war einfach eine Zeit, die ich nie vergessen werde, auch nicht missen möchte!
Und heute? Die Küche ist voller Geräte, elektrisch und elektronisch gesteuert. Zu jedem der unzähligen Geräte gehört vorher natürlich das eingehende Studium der Betriebsanleitungen in 17 Sprachen.
(Du weißt schon: Füge bitte Nippel A in Loch B zum expandern des ausgehenden Seitenflügels zum openmachen der Doorsegments. usw.)

Jedenfalls ist es stets das Neueste vom Neuen, immer upgedatet auf dem letzten Level! Die Küche ist super-hyper-extra-modern, nur reden kann man dort nicht mehr, viel weniger noch singen. Die Wäsche trocknet im Trockner, das vorgefrostete Essen wartet im Gefrierschrank. Es gibt vorbildliche und moderne zwei-Minuten-Mahlzeiten direkt aus der Microwave, Zum Sitzen beim Essen ist die Zeit zu knapp, es wäre ein unermesslicher Luxus, sich solch unproduktiver Tätigkeit hinzugeben. Man muss ja gleich wieder los, die Arbeit wartet. Da die Gerichte fast fertig sind, muss niemand mehr bei der Zubereitung singen. Da schaltet man schnell den mp3-player ein und in elf Minuten gestoppter Zeit steigt man dann in das Auto, das abfahrbereit schon auf uns wartet oder wir rennen zur Bushaltestelle, um den Bus ja nicht zu verpassen. Das wäre ein unvorstellbares Chaos, denn eine Verspätung würde unser Chef nicht dulden, der gerade nach einem zweistündigen Geschäftsessen mit seinen Partnern das Restaurant »Gambrinus« verlässt.
Ach ja, das Bad, das hätte ich fast vergessen. Es ist natürlich ein Whirlpool mit allen Schikanen. Ist schließlich der einzige Ort, an dem wir mal 15 Minuten für uns sein können um abzuschalten. Sind noch Fragen offen?
Gewiss, wir hatten nichts von dem in unserer Jugendzeit, das heute modern ist, manches gab es noch gar nicht. Und doch hatten wir viel mehr! Wir hatten noch ein Wertgefühl, das Atmosphäre, Geselligkeit und fröhliches Leben beinhaltete.

Großmutter hätte nicht verstanden, was damit gesagt werden sollte. Aber sie hatte in ihrem Reich, in ihrer Küche eines, das heute vielen nicht mehr bekannt ist: Sie war glücklich, und wir mit ihr.


©by wildgooseman

23. Januar 2018

Blumiges Leben

 

Im zitternden Grau eines Frühlingsmorgens, wenn die Vogelstimmen noch ganz im Adagio behutsam erklingen, wenn zwischen den knospenden Zweigen leise der Wind in grünen Kadenzen flüstert, erwacht auch der neue Tag. Mit den Bäumen entfalten allmählich alle Blumen ihre wunderbaren Farben und Formen. Dies Wunder natürlicher Schönheit gebietet dem Menschen, still zu stehen. Wie anders kann diese Anmut genossen werden als in verschwiegener Lautlosigkeit zu verharren?

Wo sonst als in solchen Minuten kann der Mensch sich die Entfaltung der Schönheit vorstellen? Dies ist der Moment, in dem die Wertschätzung der Blume mit der Poesie der Liebe übereinstimmt. Wo besser als in einer Blume, süß in ihrer Unbewusstheit, duftend in ihrer Stille, können wir uns die Entfaltung einer virginalen Seele vorstellen? Wenn beispielsweise in der Urzeit der Mensch seiner Gefährtin eine Blume darbot, überschritt er gleichzeitig die Stufe vom Tier zum seelenvollen Geschöpf. Er wurde damit menschlich, indem er die einfachen, bis dahin geltenden Naturbedürfnisse übersprang. Dieser Mensch betrat den Bereich der Kunst in dem Moment, als er den diffizilen Gebrauch des Unbrauchbaren wahrnahm!
Blumen sind in Freude und Traurigkeit unsere ständigen Freunde. Wir essen, trinken, singen und tanzen mit ihnen. Wir heiraten, wir taufen, wir beglückwünschen mit Blumen. Ja, wir wagen es sogar nicht, ohne Blumen zu sterben! Wir schwärmen Rosen an, wir verehren mit Lilien, wir meditieren mit Lotus, wir laden uns seelisch mit Chrysanthemen auf. Blumen zeigen auch den Gemütszustand an, bringen Trost ans Krankenbett und Lichter des Glücks in die Finsternis von müden Geistern.

Wir haben auch schon versucht, in der Sprache der Blumen zu sprechen, wer kennt nicht die unzähligen Worte über die Bedeutung verschiedener Blumen? Wie um alles in der Welt könnten wir ohne sie leben? Es erschreckt doch, sich eine Welt vorzustellen, die aller Blumen beraubt ist. Die hoffnungsfrohe Zärtlichkeit unserer Flora stellt das verschwindende Vertrauen in unser Universum wieder her, wenn wir es schon verloren wähnen, während der bewusste Blick auf ein wunderschönes Bouquet uns an unsere verlorenen Hoffnungen erinnert.

Wenn wir einst am Ende unserer Tage in den Staub gelegt werden, sind es die Blumen, die noch lange in Trauer über unseren Gräbern verweilen werden. Das ist Hoffnung ...

©by Wildgooseman

22. Januar 2018

Die Schubladen


 Da steht er nun. Ein alter Sekretär, relativ antik, buchenlook, mehrfach aufgearbeitet. Ein ganz tolles Möbelstück, bestimmt älter als ich selbst. Ich sah ihn damals einsam an der Strasse stehen, auf den Sperrmüll wartend. Es ließ mir keine Ruhe, ich musste ihn einfach haben und nun steht er bei mir in der Diele. Jeden Morgen strahlt er mich an, es ist einfach eine Freude, diese alte Kommode zu sehen, ich vermute manches mal, dass dieser Sekretär sich genau so freut, wenn er mich sieht.

Das Interessanteste an ihm sind die vielen Schubladen. Es sind zwölf an der Zahl, acht kleine und vier große. Anfangs dachte ich im Stillen daran, dass dort irgendwelche Fundstücke zu entdecken wären, leider wurde ich da enttäuscht. Außer einigen alten Zeitungen von 1934, die dort als Bodenbelag dienten, gab es nichts zu entdecken. Aber auch diese erzählten mir sehr viel über die Zeit, als ich noch als Baby in der buchstäblichen Wiege auf meine Zukunft wartete.
Schubladen wecken stets in mir ein kindliches Bedürfnis, irgendwelche Geheimnisse zu erforschen. Wo aber fange ich hier an? Welche Schublade öffne ich zuerst? Sie sehen alle so ähnlich aus. Nehme ich die erste oder die letzte? Nehme ich die letzte, wird sie die die erste sein. Wenn ich aber die erste nehme, bleibt alles beim alten. Ich könnte natürlich auch die vierte oder sechste nehmen - aber, von woher zähle ich jetzt, von links oder von rechts? Ist das jetzt ein Schritt zur Weisheit? Gibt es die weise Erkenntnis in der Mitte oder eher an den Seiten? Es ist schon so, eine unbekannte Schublade zu öffnen bleibt schon ein Erlebnis.
Ich könnte die kleine dort ganz am Ende zuerst öffnen. Ist das vielleicht die Schublade der Vergangenheit? Die wollte ich eigentlich gar nicht. Dort die zweite, das könnte die der Freude sein. Gut. Wenn ich das so bedenke, sie könnte aber auch die Traurigkeit beinhalten. Also ich muss mich endlich mal entscheiden. Ich nehme einfach die grösste Schublade dort unten, fertig. Das ist die, in dem die alte Zeitung den Boden bedeckt. Ich lese auf diesem altersgebräunten Papier weiter.

Das steht also in der »Ostpommerschen Zeitung« in der Ausgabe des 28.Januar 1934. Ich staune. Da war die SPD noch eine Partei, die gegen die braunen Horden auftrat - auch wenn das nicht mehr viel nützte.
Da, die kleine Eckschublade ganz links ziehe ich ganz leise und behutsam heraus. Auch dort eine Papiereinlage auf dem Boden. Ein Bild in groben Rastern aus einer Zeitung, dann ein Text von 1934

Soso, denke ich, es gab sie also auch in anderen Ländern, diese Kzs. Ja, solch alte Schubladen bringen doch manches zutage, von dem man nichts wusste.
Noch einige Schubladen ziehe ich auf, manche leer, in einer eine alte Blechdose mit dem Aufdruck »Ich hab’s, URBIN!«. War damals die Schuhcrememarke in Deutschland.


Nachdenklich schaue schaue ich mir nun das alte Möbelstück an. Wie viele persönliche Schicksale waren wohl schon mit ihm verknüpft, wer alles hat diese Schubfächer tausend und mehr Male geöffnet. Ich komme ins Grübeln, aber all das Denken bringt mich nicht weiter, weil mir die Verbindung zu den speziellen Menschen halt fehlt. So werde ich diesen alten Sekretär auch weiterhin als ein exotisches Stück Vergangenheit betrachten, der mir zwar einige Anhaltspunkte gab, dann jedoch nur noch ein wissendes Lächeln für mich übrig hatte!

©by Wildgooseman

20. Januar 2018

Der Himmel über dir!


Wolkenbilder, gemixt mit den faszettenreichen Wasserfarben in Blautönen hoch oben am Himmel. Coelinblau nennt der Maler diese wunderschöne Farben, “himmelblau”. Sie werden eigentlich nur übertroffen vom tiefen Blau des Meeres an südlichen Küsten.

Es ist der Himmel über mir. Oft jedoch sehe ich ihn nicht, da ist er versteckt unter einem nebligen Dunst. Dieser diesig graue Schleier aus dem Bindemittel Wasser und den Farb-Pigmenten der Sonne gemischt nimmt mir oft die Sicht auf die großartigen Farben des Firmaments. Dieser Himmel über mir ist immer da, wenn auch manchmal verborgen. Aber ich ahne ihn, und deshalb ist auch die Sehnsucht nach den Sonnentagen, nach dem blauen Himmel und den weissen Wolken immer vorhanden.


Diese alte Laterne ragt hoch hinauf in den Himmel, als wolle sie ihn erreichen. Irgendwie strahlt sie eine Sehnsucht aus, eine Begierde nach mehr. Ich identifiziere mich mit dieser Laterne. Fest in der Erde stehend und doch ständig hinaufstrebend, mitten hinein in diese dahinsegelnden Gebilde. Sinnloses Verlangen nach blauer Ferne und dem, was dahinter liegt...
» Mit euch zu wandern
über Ozean und Kontinente,
mit euch zu reisen
durch azurne Himmelshöh’n,
mit euch zu überwinden,
was die Menschen immer trennte,
und nie mehr einsam in der Nacht
nur zu den Sternen seh’n. «
So dichtete ich einmal als halbwüchsiger Junge, als mich wieder einmal das Fernweh gepackt hatte...
Ich liebe die Wolken, die bizarren Gebilde, die sich ständig und unaufhörlich verändern. Und ich mag das Blau des unendlichen Himmels, das zu jeder Tageszeit eine andere Farbnuance zeigt.

Und dann stand ich irgendwann einmal mitten drin in dieser so schneeweissen Watte der Wolken. Auf dem Gipfel eines Berges sah ich hinab auf diese Gebilde, die ich von unten so bewunderte. Ich stand mitten in diesen Wolken und hätte nun glücklich sein müssen.
Aber meine Enttäuschung war riesengroß! Ich sah nichts anderes, als genau die graue, diesige Nebelwand, die ich unten im Tal so verabscheute!


Das Gipfelkreuz, das mir im Tal so als erstrebenswertes Ziel erschienen war, sah nun aus der Nähe ziemlich gewöhnlich und arg ramponiert aus. Keine Spur vom Streben in höhere Regionen. 


Unser Leben ist solch ein Himmel. Ein eigener Himmel unter einem anderen Himmel! Aus der Ferne gesehen sieht alles wunderschön und begehrenswert aus. Die Nähe zeigt dann erst die Realität, den Alltag, das Leben im täglichen Kreislauf. Es ist dann oft wie ein Traum: Erwacht man daraus, findet man sich nicht mehr zurecht
Aber ich träume weiter. Ich bewundere weiter den Himmel und die Wolken, die bizarren Gebilde, die ich auch anders kenne.
Wer mir meine Illusionen nehmen will, tötet mich.
Himmel, Wolken, Träume, Nebel und Dunst- alles gehört zusammen!
Auf ewige Zeit...

©by wildgooseman

18. Januar 2018

Goodbye means forever?


Dieses Goodbye dauert sicher keine Ewigkeit, die Endlosigkeit eines solchen Abschieds ist nicht messbar. Die niederdrückenden Glockentöne sind längst verklungen, irgendwo singt eine Amsel ihr Frühlingslied. Sie weiss nichts von Abschiedsmelodien, sie lebt nur. Ganz einfach. Sie feiert Tag für Tag die Reinkarnation ihres Lebens ohne zu wissen, warum.
Hier und da am Rande des Weges nur wenige Blumen auf den letzten Ruhestätten. Ein wenig verwaschene Farbe dringt durch sie in das trostlose Regengrau des morgendlichen Märztages. Die Birken am Wegesrand erweisen mit ersten Knöspchen dem kommenden Frühling Reverenz. Mag ja sein, er lässt sich erweichen, früher zu kommen als geplant?

Unter trostlosen Regenschirmen eilt eine Anzahl schwarzgekleideter Gestalten den Weg entlang. Es scheint, dass man diesen Ort so schnell als möglich verlassen möchte. Hier und da blitzt noch ein verschämtes Taschentuch auf, halblaute Gespräche, von der nebligen Luft fast verschluckt, ein dezentes Hüsteln. Der letzte Mann schliesst die gusseiserne Pforte dieses stillen Ortes hinter sich. Zurück bleibt das Erdenkind, das man zur letzten Ruhe trug. Die Vergänglichkeit nimmt Gestalt an, Asche wird zu Erde, wenn auch unsichtbar.

Alles nimmt seinen Gang wieder auf. Das Leben geht weiter. Welch ein allgemeines, radikales Wort. Das Leben geht weiter! Natürlich geht es weiter, die Zeit bleibt ja nicht stehen. Aber für die engsten Betroffenen scheint die Sonne still zu stehen. Bei ihnen ist eine Lücke entstanden, ein Zwischenraum, der einstmals gefüllt war mit Liebe und Vertrauen, mit Aufmerksamkeit und Freuden. Natürlich auch mit Verdruss und Ärger, die auch zum Leben gehören! Nun ist diese Kette durchbrochen, ein Glied daraus ist entfernt. Dieser Mangel wird sich noch lange bemerkbar machen.
Wir stellen Fragen dazu, ständig stellen wir Fragen. Nach dem Warum. Dabei ist doch alles klar, niemand müsste fragen, die Antworten liegen seit der Geburt auf dem Tisch. Und dennoch, seit Äonen von Jahren werden immer die gleichen Fragen gestellt und auch immer die gleichen Antworten gegeben. Wozu also? Um das Leid besser zu ertragen?
Im Laufe des Lebens haben wir alle gelernt, dass unsere Schritte mit zunehmendem Alter bedächtiger werden, leiser und leiser. Wir sind unschlüssig in den Gedanken an unser eigenes Dasein. Ist das Feuer der Jugend erloschen? Nein, beileibe nicht, doch es hat sich zu Glut verändert. Träumten wir früher von der Zukunft, so ist es heute die ferne Vergangenheit, die uns so manches Mal übermannt.
Durch diese Reminiszenz entsteht die Unsicherheit in unserer Gegenwart. Wir können sie nicht einfach weglegen wie ein Buch, in dem wir gelesen haben. Stets fügen sich immer wieder Gedanken und Worte in unser Gedächtnis ein, die wir längst verschwunden geglaubt hatten.
Wie alte Lieder, die auftauchen und unser Gedächtnis ständig mit ihrer Klangfolge wieder und wieder erobern und oft stundenlang belagern.
Wir sangen doch immer gern. Wir singen auch heute noch. Aber unser Gesang, mit dem wir das Leben umrahmen, wird immer leiser, weicher, melodiöser. Aus dem Lied, das einst unsere Freude am Dasein transportierte, treibt nun die Melancholie neue Triebe, die das Herz berühren. Diese Melodie des Lebens, immer wieder neu interpretiert, versucht aus dem Schatten der Vergangenheit Knospen hervorzubringen, Sprösslinge, die niemals zu Blüten werden, weil ihnen die Zeit fehlt.

Wie sinnlos erscheint doch der Lebensbaum an der Friedhofspforte. Wozu steht er dort? Mit Liebe wurde er einst gepflanzt, zum Zeichen der Erinnerung an Menschen, die auf ihrem letzten Weg vorbeikamen. Sinnlosigkeit hat also ihren Sinn. In dieser Allee des Vorübergehens auf jeden Fall. Sie gehört dazu, zum Leben, zum Abschied nehmen.
Hinter den stillen Kulissen des vergangenen Lebens aber beginnt die nächste Strophe des Liedes, das täglich neu gesungen wird. Der Himmel wird nicht immer so grau bleiben, wie er heute den Menschen erscheint, die am Ort der Ruhe nun entfliehen. Am strahlend blauen Himmel werden dann wieder weisse Federwolken übermütig durch die Lüfte jagen. Bunte Falter gaukeln über geschmückten Gräbern von Blume zu Blume, freuen sich des Daseins, weil sie ihre Endlichkeit nicht ahnen können.

Goodbye heisst auf Wiedersehen, und niemand der gegangen ist, wird vergessen. Wichtig aber ist, dass nun keiner bei dem Gedächtnis stehen bleibt! Wie hiess doch die Allerweltsformel? Das Leben geht weiter! Es ist tatsächlich so. Und alle, die hinter dem dunklen Vorhang entschwunden sind, haben uns doch etwas voraus: Sie sind bereits dort, wohin wir alle noch gehen. Aber wir holen sie ein! Ganz gewiss.

Goodbye means forever? Nein. Aber es sind nun mal Momente der nicht einsehbaren Ewigkeit, die jeden bedrücken. Wir Menschen wollen wissen, was hinter dem Vorhang ist! Deshalb diese ganzen esoterischen Versuche, ihn ein wenig zu heben. Unnötig weil unsinnig. Wer das erfasst hat, ist schon ein gutes Stück weiter auf seinem Weg der inneren Freiheit! 

Goodbye heisst Auf Wiedersehen, irgendwann und irgendwo ...

©by Wildgooseman