19. Februar 2017

Scribe scribere vel - quod quaestio



Schreiben ist ja im Grunde genommen keine schwierige Sache. Nee, wirklich, daran hapert es ja nicht. Das kann der Mensch oder er kann es nicht. Punkt.
Wenn ein Mensch es nicht kann, ist es auch kein Thema, vielleicht ist es sogar besser, er muss sich dann keine weiteren Gedanken über den Textablauf machen. Die Freiheit lacht dann sozusagen vom weissen Papier!
Glaube ich nun aber, dass ich schreiben könnte, - d
ie meisten der »Autoren« glauben es natürlich, - dann beginnt erst einmal das Problem, sein Autoren-Gesicht zu zeigen. Schön ist es natürlich, wenn das Hauptthema schon vorhanden ist, dann muss es nur noch in die richtige Abfolge gebracht werden.
Was aber nun, wenn ich nicht weiss, worüber ich überhaupt etwas schreiben soll? Da taucht nun zunächst einmal die Frage auf: Muss ich überhaupt schreiben? Was treibt mich denn dazu?
Gut, so lange es nicht ausgedruckt wird, entsteht ja noch kein Schaden.
Na ja, vielleicht entsteht da solch eine winzige Spur einer transzendentalen Energie? Kann doch sein. Gut, ich frage ja nur!

Warum mache ich das, ist es für das Universum wichtig? Lacht der Kontinent oder erbebt die Welt in all ihren Bestandteilen? Wundert sich der Staat über mein Statement, ärgert sich die Gemeinde?
Oder kann es sein, dass meine Nachbarschaft erbebt? Nee, das glaube ich kaum.
Ich würde die Antwort auf diese Frage auch nicht geben, selbst wenn ich sie wüsste. Vielleicht schreibe ich ja aus Rache an der derzeitigen Regierung? Vielleicht aber nur aus Spaß oder um meine philanthropischen Gelüste zu stillen?

Im Grunde ist es ja auch nicht mein Problem. Wenn ich etwas schreibe, gibt es nur wenige Menschen, die ganz sachte gezwungen werden könnten, sich mit meinen Schreibereien auseinanderzusetzen und mir dann sogar noch ihre sanften Kritiken unterzujubeln! Aber natürlich so vorsichtig, dass ich nicht noch eine Enttäuschungsspur im Universum zurücklassen müsste.

Also allein mit der Frage nach dem ungewissen »Warum« ließe sich doch schon eine einzige Seite füllen, ohne dass auch nur der Hauch einer Antwort zu ahnen wäre. Das macht doch schon einen ungeheuren Spaß oder etwas nicht? Ihr könnt mir glauben, es ist eine ungeheure Provokation, wenn dieses leere weiße Papier da vor mir liegt und mich so höhnisch anblinzelt! Wie soll man da einen konstruktiven weltverbessernden Gedanken fassen? Das ist schier unmöglich.
Ja, natürlich, ich kann nun einen farbigen Bogen Papier nehmen; ich hätte dann dem weissen Gegenüber den Wind aus den Segeln genommen.
Aber nein! Hah! Ich stelle mich diesem Konflikt. Wäre doch gelacht, wenn ich da nicht die Oberhand behielte.

Man sieht es ja auch: Es kommt etwas dabei heraus, weil Farbe allein nämlich gar nichts über das geistig Verbrochene aussagt. Seien wir doch mal ehrlich mit uns selbst, allein das Wollen ist nicht unbedingt das Nonplusultra des Schreibens, man muss wirklich ein wenig gedankliches Gewürz dazutun.

Nee, du irrst, ich hab es nicht vergessen: Auch die Orthografie hat noch ihren Stellenwert, wenn wir es nicht schon wussten, hält die PISA-Studie es uns jährlich vor Augen. Es ist schon grausam, den Menschen in einem kulturell hochstehenden Land immer wieder ihre Unzulänglichkeiten vorzuführen, ich fühle mich dann immer so minderwertig.
Wenn ich dann meinen inneren Schweinhund überwunden habe, versuche ich also zu schreiben!
Lach bitte nicht! Ich fasse mich ja immer 
kurz, zu längeren Ergüssen reicht mein Gedankengut nicht, deshalb bleibe ich auch bei Kurzgeschichten! Ich falle sonst immer zurück in meine als Kind mühsam erlernte Rechtschreibmethode à la Sütterlin. Und die strotzt dann ja wohl in der modernen Zeit vor Fehlern.
Das macht nichts, meinst Du?
Irrtum! Wenn Du mal durch Foren und Chats Deine Streifzüge machst, wirst Du merken, dass Du mit Deiner Rechtschreibung völlig daneben liegst! Da siehst Du vor Kürzeln und Anglizismen überhaupt nicht mehr, in welcher Sprache eigentlich geschrieben wird!
Entschuldigung, ich bin zu weit abgeschweift. (Mein Nachbar würde sagen: abgeschwiffen) 
Wie geht es weiter?

Also ich war bei den Kurzgeschichten. Und da, Du wirst es kaum glauben, taucht schon die nächste Frage auf: was ist denn kurz? Was ist denn bei einer Kurzgeschichte kurz genug?? Wo fängt kurz an, vielleicht bei einer Miniaturlänge, wo hört kurz auf? Vielleicht niemals, wie bei der Relativitätstheorie?
Ja und dann, 
was ist eine Geschichte?
Also Geschichte hat mich früher immer sehr interessiert, aber die war ja auch nicht kurz, sie war stets solch ein kaleidoskopartiges bluttriefendes Monster, das die Sieger stets für sich entschieden.

Nein, das ist ja auch keine Kurzgeschichte, wenn unsere Neolithikum-Vorfahren schon auf ihre Steinplatten mit Hammer und Feuerstein Kurzgeschichten geschrieben hätten, könnten wir heute lesen, wie man einen Höhlenbären fängt oder ein Mammut jagt. Würde uns das heute helfen? Sicher nicht. Siehst Du, ebenso hilft es niemand, wenn er meine Schreibversuche lesen muss. Also? 
Wozu bzw. warum? Altpapier gibt es schon zur Genüge, das muss ich nicht noch erweitern. So viel bunt bedrucktes Hochglanzpapier gab es noch nie in der »Geschichte«! Also lasse ich dieses Problem eben Problem sein und wende mich meinem Privatvergnügen zu: Für mich selbst zu schreiben.

Wer sollte mich da aufhalten wollen? Vielleicht ein Festplattenabsturz ohne Back-up? Auch Humorverlust käme da infrage oder der Besuch meiner Erbtante, auch Alzheimer könnte da eine Rolle spielen.
Aber so weit ist es noch lange nicht. Und deshalb muss die Welt, muss mein Land und die Gemeinde (
auch die Nachbarn, die davon noch nichts wissen) damit leben, dass ich schreibe.
Ob sie es nun gut finden oder nicht, ich weiss es nicht, ist mir aber auch egal, völlig egal ...


© by Wildgooseman

17. Februar 2017

Zwei Welten?

Es war schon ungewöhnlich, dass sie in jener Stunde aufeinandertrafen. Wann war das schon jemals vorgekommen? Sicher hätte man in den Annalen sehr weit zurückblättern müssen, um hier eine Übereinstimmung zu finden. Aber nun, heute, gerade in diesem Augenblick war es überraschenderweise doch geschehen. Und es war dabei nicht ersichtlich, was zu diesem außergewöhnlichen Ereignis geführt hatte.
Keiner der Beiden hatte den Anderen je gesehen, jeder kannte ihn nur vom Hörensagen. Und dieses Wissen war nicht umfassend genug, um sich auch nur in den geringsten Teilen ihres Daseins kennen zulernen. Schließlich lebten sie in verschiedenen Bereichen ihrer Zeit. Dabei ist die Diskrepanz des eigenen Daseins doch die Gewissheit, dass niemand seine Haut so einfach ausziehen kann, wie die Metamorphose einer Raupe es bewerkstelligt.
Als er sie nun traf, konnte er nicht begreifen, wie so etwas Wunderschönes überhaupt existieren konnte. Mühevoll kramte er in den Tiefen seiner Erinnerung, versuchte dabei die Türen zu seinem Ich zu erweitern - vergeblich. Die Gedanken wanderten zurück zu den Zeiten seiner Kindheit. Konnte es sein, dass er damals schon einer ähnlichen Frau begegnet war, die ihn so beeindruckt hatte? Die Frage blieb im Raum stehen, scheinbar unlösbar und dennoch immer wieder von Neuem gestellt. 
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    »Ein interessanter Typ«, dachte sie, als ihr der Mann dort auf dem Kiesweg entgegenkam. Mit einigen kurzen Blicken betrachtete sie ihn, versuchte dabei, es nicht zu auffällig erscheinen zu lassen. Nicht jeder, und auf keinen Fall er selber, musste gleich erkennen, dass sie ihn mit einem Blick voller Staunen betrachtete.
Anderseits ließ sich diese Aufmerksamkeit nicht so einfach abschütteln wie Regentropfen von einem Schirm. So einen Mann sah man halt nicht jeden Tag, warum also sollte sie nicht intensiver hinschauen? War das schon ein Faux pas? »Sicher nicht«, sagte sie sich und sah sich diesen Mann nun doch intensiver an. 
»Genau mein Wunschkandidat, wenn ich wählen müsste«, dachte sie. »Mit ihm könnte ich schon mein Leben auf einen Nenner bringen. Aber wie soll das gehen?«
Er war nun auf Höhe ihrer Parkbank angelangt, seine intensiv blauen Augen sahen sie mit einer Wärme an, dass sie förmlich dahinschmolz. »Darf ich mich zu ihnen setzen?« fragte er dann leise mit einer Stimme, die wie ein Windhauch im Walde klang. »Ich bin nicht gern allein an solch einem schönen Tag.«
Sie nickte nur, die Worte blieben ihr fast im Hals stecken. Sie spürte, wie eine warme Woge über ihr Gesicht zog. Dann brachte sie es doch noch fertig zu flüstern: 
»Ja, gern!«
Der Mann bedankte sich; mit einer knappen Verbeugung stellte er sich dann vor.
Sie verstand seinen Namen nicht ganz, traute sich aber auch nicht nochmals nachzufragen. 
»Lenz«, sagte sie dann, »Ulrike Lenz«. Er lachte auf. 
»Das ist ja seltsam«, meinte er dann, »Der Herbst und der Lenz, welch ein wunderbares Zusammentreffen!«
Sie lächelte nun auch, Herbst hiess der symphatische Mann also, hatte sie doch richtig gehört.
Bald darauf waren beide in ein angeregtes Gespräch vertieft. Ihre Unterhaltung ähnelte nun doch schon fast einer Diskussion. Die Gedanken schweiften dabei in philosophischen Weiten, oft ohne Bezug zum realen Leben. Das Mitteilungsbedürfnis beider Menschen, die in solch unterschiedlicher Weise zusammengetroffen waren, schien unerschöpflich zu sein.
Obwohl der Gegenwartsbezug sich dabei manchmal nur erahnen liess, hatte das Gespräch trotzdem stets einen Zusammenhang mit dem Ablauf ihrer Zeit. Es war diese Zeit, die wahrscheinlich von keinem anderen Menschen erfahrbar war. Einer Zeit, die unabhängig von den vier Jahreszeiten ablief und dennoch ausgefüllt war mit Ereignissen. 
Die jugendliche Frau und der ältere Mann, die sich noch nie gesehen, nur voneinander gehört hatten, verstanden sich ohne Einschränkung. Es schien wie ein Mirakel zu sein, dieser Gleichklang der Seelen an einem so wunderschönen Tag. 
Sie schaute ihn von der Seite an. Ein heller Sonnenstrahl hatte zwischen den Blättern der großen Buche einen Weg auf sein leicht gebräuntes Gesicht gefunden, streifte über das Relief seiner Stirn und hinterliess dabei einen Ausdruck von Ferne und Zeitlosigkeit.
»Warum habe ich Sie noch nie getroffen«? Er fragte es leise, als er die Blicke der jungen Frau spürte. Sie merkte, dass er sie ansah, senkte schnell ihren Kopf, zuckte dann mit den Schultern. »Ich weiss es auch nicht,« entgegnete sie, »wahrscheinlich sind unsere Tage oder die Freizeiten zu unterschiedlich? Ich muss ehrlich sagen: Ich finde es auch schade!«
Bei diesen Worten errötete sie. Der Mann, der schließlich vom Alter her ihr Vater sein konnte, berührte mit einem Lächeln ihre Hand. 
»Das ist schön«, sagte er dann leise, kaum verständlich, »da sind wir schon zwei, die das gleiche Gefühl haben!« 
Ihre klaren Augen leuchteten. In ihnen konnte er lesen wie in einem offenen Buch und was er da las, gefiel ihm so sehr, dass er keinen Blick von ihr lassen konnte. 
»Wir sollten uns viel öfter sehen,« sagte er dann, »ich kann mir gar nicht vorstellen, wie ich ohne Sie gelebt habe!«
Sie lachte hell auf. »Sie Schmeichler, Sie haben doch lange gelebt, ohne mich zu kennen, oder?«
»Sicher«, sagte er daraufhin, »sehr, sehr lange. Gerade deswegen verstehe ich es ja nicht. Ich wusste immer, dass etwas fehlte, nur war mir nie klar, was es denn war. Und nun, seit ich Sie sah, - ja - es ist eben nicht begreiflich.«
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Die Sonne war weiter gewandert, der Abend kündigte sich an. Der kleine Teich drüben jenseits des Weges lag nun im Schatten der hohen Bäume. Einige Blesshühnchen bemühten sich, zwischen dem Blattwerk der Teichrosen Nahrung zu finden. Im Schatten erschienen ihre kleinen Blessen wie weiße Punkte auf dem Wasser. 
Die beiden Menschen auf der Bank schwiegen geraume Zeit. Dann sagte der Mann: 
»Müssen Sie nicht heim? Wartet man nicht auf Sie. Wenn Sie möchten, begleite ich Sie, gleich wird es dunkel und die Gegend scheint mir doch sehr unsicher zu sein.«
Erstaunt und doch ein wenig spöttisch meinte sie dann: 
»Hey, Sie trauen mir wohl gar nichts zu? Ich bin schon riesengroß! Ich kann mich auch wehren. Und dann - auf mich wartet schon lange niemand mehr! Ich lebe allein - und ich lebe gern allein. Mir fehlt nichts zu meinem Dasein. Da können Sie ganz beruhigt sein.«
»Entschuldigen Sie«, meinte er dann, »so war das doch nicht gemeint. Ich wollte doch nur behilflich sein. Ist das denn so schlimm? Sind Sie immer so argwöhnisch, ist Hilfe für Sie immer eine Art von Bevormundung?«
»Ich meinte Sie nicht persönlich. Ich bin es nur nicht gewohnt, bemuttert zu werden. Seit meinen frühesten Tagen bin ich selbständig, habe immer für mich selbst gesorgt. Und dabei,« sie lächelte, dabei waren ihre Grübchen in den Mundwinkeln sichtbar, »bin ich immer gut gefahren.«
Der Mann schaute in der einsetzenden Dunkelheit hinaus auf den kleinen See. »Ja«, sagte er dann nach einer kurzen Pause, »das Wörtchen ›immer‹ hört sich so einfach an. Ich kenne das ebenfalls aus meiner Jugend her.«
Er lächelte nun auch, dabei schien sein Blick in die Vergangenheit zurückzureichen. 
»Das ist das Vorrecht der jungen Generation: Ich weiss immer, was ich tue. Ich passe immer auf mich auf. Ich bin immer vorsichtig. Diese Aussagen haben stets nur die eine Beweiskraft: Ich bin Ich!«
Sie nickte mehrmals bestätigend. 
»Genau so ist es. Warum soll ich denn etwas tun, nur weil andere Menschen meinen, es wäre gut? Was im Mai hervorragend ist, kann doch im Oktober eine völlig andere Perspektive bieten. Denken Sie doch mal selbst, Herr Herbst: Was Sie in ihrer Jugend erlebten, hat heute keinerlei Bedeutung mehr. Die Zeit hat sich geändert, wir mit ihr!« 
»Natürlich.« Der Mann dachte bei diesen Worten an seine eigene Jugendzeit. 
»Ja, ich kann das schon nachvollziehen. Ich denke, dass ich früher genauso gedacht habe. Aber ich habe gelernt. Ich habe aus dem Leben gelernt, und diese Lehre war gewiss nicht immer schmerzlos!«
Sie spürte die Zwischentöne in seinen Bemerkungen, ohne ihn zu unterbrechen, hörte sie weiter aufmerksam zu.
»Sie sind noch jung, Ulrike. Es ist schön, wenn man dieses Leben mit seinen unzähligen Spielarten noch vor sich hat. Dazu braucht es auch keine rosarote Brille. Diese Einsicht ist ganz allein da, praktisch von selbst.
Meinen Sie, ich dachte damals anders? Alles, was mir nicht gefiel, klammerte ich einfach aus. Es betraf mich nicht und ich musste mich auch nicht darum kümmern.
Alles andere ringsherum schien mir richtig so, wie es war. Ich liess alle anderen Menschen für mich denken! Fast alle anderen machten es genau so und das - genau das - war eben falsch. 
Dann war plötzlich alles vorbei. Und die Quintessenz davon: Alles, woran wir glaubten, was wir Jungen als richtig empfunden hatten, war plötzlich falsch! Wissen Sie, was eine solche Kehrtwendung um 180 Grad für einen jungen Menschen bedeutet?«
Der Mann schwieg, die Erinnerung übermannte ihn mit voller Kraft. Die junge Frau nahm behutsam seine Hand, sagte nichts zu seinen Worten und so schwiegen sie.

Der Abend hatte sich inzwischen über die Parklandschaft gelegt. Die Laternen an den Parkwegen streuten ein mattes Licht auf die Wege. Alles war still, die Tiere am See waren wohl auch alle zur Ruhe gegangen.
Nach langen Minuten erhob sie sich schließlich, schaute ihn lange an.
»Ich - ich glaube, ich muss nun doch langsam nach Hause«, sagte sie dann. 
»Ich begleite Sie«, meinte der Mann und stand ebenfalls auf. 
»Nur bis drüben«. Die Frau wies zur anderen Seite des kleinen Sees, wo eine Reihe von Häusern standen. »Na gut«, er lächelte schelmisch, »wenigstens lassen Sie das zu.« 
Beide lachten laut auf. Dann hakte sich die Frau ganz freundschaftlich bei ihm ein. »Oh«, meinte sie lachend, »Sie können stolz darauf sein, das ist schon sehr viel« ...
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Am nächsten Tag am frühen Nachmittag saß der Mann auf der gleichen Bank im Park. Ein Schwanenpaar zog langsam seine Kreise auf dem klaren Wasserspiegel des Sees. Einer der Schwäne hatte seine Schwingen hochgestellt und verbreitete so eine majestätische Ruhe. Es war ein wunderschönes Bild, passte jedoch irgendwie nicht zu der Unruhe, die der Mann dort auf der Bank ausstrahlte. Wiederholt sah er auf seine Armbanduhr, um dann wieder zum Weg zu schauen, der um den See herum führte.
Kurz darauf wurde seine Ungeduld belohnt. Sie kam leicht und beschwingt den Weg entlang, ein leichtes bunt geblümtes Sommerkleid passte vorzüglich zu ihrem jugendlichen Aussehen. Sie deutete einen leichten Knicks an, reichte ihm dann ihre Hand zum Gruß.
»Ich bin aber nicht zu spät? Es sieht fast so aus, als warteten Sie schon lange auf mich!«
»Nein, natürlich nicht, ich war nur viel zu früh da,« sagte er. »Verzeihen Sie mir bitte meine Ungeduld. Es ist schon so lange her, dass ich auf eine junge Dame gewartet habe. Bin eben doch aus der Übung.«
Sie lachte. »Nun«, sagte sie, »dafür haben Sie das aber hervorragend gemeistert!«
Dann sah sie gedankenverloren auf den See hinaus. 
»Also, wenn ich das so sagen darf, ich habe mich auch auf dieses Treffen gefreut. Man hat nicht so oft das Vergnügen, sich so gut unterhalten zu können. Meist geht es bei Gleichaltrigen über ein belangloses Gespräch doch nicht hinaus, ich jedenfalls finde das schade.«
Herbst sah sie versonnen an. »Sie sind schon etwas Besonderes, Ulrike. Wenn Sie nicht so jung wären, könnte man meinen, Sie gehörten zu meiner Generation.«
»Och nee«, meinte sie dann, »ich hab schon meine eigenen Ansichten, die sich bestimmt von den Ihrigen unterscheiden. Und sicher nicht zu knapp. Meine Eltern jedenfalls hatten schon ihre liebe Not mit mir.« 
Sie lachte auf. »Und jeder Baum der Generationen trägt eben seine Früchte, denke ich. Die sollte dann aber auch nur der pflücken, der sie zu verwerten weiss, meinen Sie nicht auch?«
Sie bewegte ihre Handflächen hin und her, um damit ihre Unsicherheit anzuzeigen. Ihr Gesichtsausdruck unterstrich dabei diese fragende Aussage.
Der Mann nickte bestätigend mit dem Kopf. 
»Doch. Das mag durchaus richtig sein. Aber ein Baum der Erkenntnis der Generationen bringt auch noch andere Dinge hervor. Die Suche nach der Wahrheit. Da taucht dann ganz schnell die bewusste alte Frage auf: Was ist Wahrheit? Und von dort bis zu den bewussten Früchten, die Sie jetzt meinen, ist es noch ein langer Weg.
Sind Ihre Früchte auch meine Früchte? Ist Ihre Wahrheit auch mein? Oder sind das völlig verschiedene Dinge, die niemals ganz äquivalent verlaufen können? 
Wenn Sie beispielsweise von Liebe reden würden, ist es dann dasselbe Gefühl, die gleiche Emotion, die mir dann vorschwebt? Meinen wir das Gleiche, wenn wir lieben?«
Sie schaute ihn nachdenklich an. Ihr Blick wanderte schließlich weiter zu den Schwänen auf dem See, zum schilfbewachsenen Saum des jenseitigen Ufers. Eine grandiose weiße Wolkenwand mit herrlich gezackten Rändern schob sich unmerklich langsam vom Horizont auf den See zu. Es war ein Bild, das nur die Natur selbst hervorbringen konnte.
Zwischen den beiden Menschen war es still geworden. Beide genossen diesen Anblick, der sich so gewiss nicht täglich vor ihren Augen abspielen würde. 
»So etwas Schönes sieht man nicht oft«, sagte sie dann. »Ich liebe diese Wolkenbilder!«
»Und ich ebenfalls. Vielleicht ist es eine Belohnung nur für uns? Für zwei Menschen, die so unterschiedlich sind, wie Menschen nur sein können und doch von einer Seelenverwandtschaft, die unglaublich ist.« 
Die junge Frau schaute dem Mann in die Augen. In diesem Blick lag etwas von dem Wissen, das seit Äonen von Zeiten immer wieder neu die Menschheit belebte, sie reifen liess und das Rad des Lebens ständig neu drehte. 
»Es ist der Zauber der Gegenwart, der so etwas schafft. Ein Teil vom ›Gestern‹ und ein Stückchen ›Heute‹, ohne dass man beides festhalten kann. Man kann nur still geniessen. Und das ist auch das Fazit!«
Herbst schwieg, das Mädchen sah gedankenverloren hinüber zu den großen Weiden am Seeufer.
Wenn auch ihre Jugend und sein Alter etwas anderes aussagen mochten - sie kannten beide das Rätsel, das sie nicht freigab. Und sie wussten, dass diese Emotion, die beide verband, schon das Ende in sich selbst mit sich trug!
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Wo anders können sich ›Gestern‹ und ›Morgen‹ begegnen als im Heute? Dieses Heute aber verbietet jede Liebe, jede Vereinigung zwischen diesen beiden Polen ausnahmslos und von Vornherein. Weil sie unreal ist, ohne ein ›Vormals‹ und ein ›Nachher‹. Es ist nicht anders möglich. Wo das ›Gestern‹ eine Heimat war, ist das ›Morgen‹ noch längst keine Heimstatt für die Gegenwart
Liebe kann nur im Heute leben. 
Wo sie in der Vergangenheit lebt, ist sie tot und nur vom ›Damals‹ und der Trauer durchzogen. Sie wird dann nur von bildhaften Träumen begleitet, die unerfüllt bleiben müssen. Eben weil sie nicht mehr ist, sondern war! 
Liebe der Vergangenheit kann immer nur der nostalgische Rückblick auf wunderbare Zeitabläufe sein! Dabei geschieht es aber auch sehr oft, dass manche 
Geschehnisse unterdrückt oder ausgeklammert werden, weil diese Zeit längst nicht immer so schön war, wie sie im Gedächtnis gespeichert wurde.
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Eine alte Dame, mit der ich mich anlässlich ihrer ›Eisernen Hochzeit‹ unterhielt, holte mich aus meiner Bewunderung für ihre fünfundsechzigjährige Ehe schnell auf den Boden der Tatsachen zurück. Beide Eheleute hatten noch einen guten Gesundheitszustand, fünf Kinder gingen aus der Ehe hervor und sie hatten auch sonst viel in ihrem gemeinsamen Leben geschafft.
Ich fragte sie, ob sie nicht stolz wäre auf diese Zeit. 
Die Antwort machte mich ziemlich ratlos: »Es war die Hölle! Aber irgendwann war es zu spät für einen Wandel.«
Irgendwann war es zu spät. Welch ein absonderliches Wort für eine Beziehung zwischen zwei Menschen. Irgendwo auf dem Weg in die Zukunft ging diese Liebe verloren. Sie wurde vergessen auf den Pfaden des täglichen Einerlei. Und sicher hat sich niemand die Mühe gemacht, sie zu suchen. Vielleicht weil man schon zu müde war?
Liebe der Vergangenheit ist immer nur Erinnerung. Sie ist es ganz gewiss wert, behalten und auch gepflegt zu werden. Aber sie darf niemals in die Gegenwart hineinreichen! Dann nämlich ist dieses ›Jetzt‹ zum Scheitern verurteilt!
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Wo Liebe nur in der Zukunft lebt, ist sie nur ein Abklatsch von Sehnsucht und Verlangen, ist sie lediglich eine Szene unstillbarer Leidenschaft, die das Herz der Betroffenen beschwert, dabei Wünsche und auch Reaktionen anderer Art meist völlig einengt. Wie viele Freundschaften wurden schon zerstört, weil einer der Beteiligten plötzlich die Liebe entdeckte und somit die frühere Gemeinsamkeit vernachlässigte, ohne dass dann die Liebe wirklich einen Platz im Leben einnahm. 
Liebe in der Zukunft ist irreal. Sie wird vielfach von Wünschen begleitet, von Vorstellungen, die dann mehr oder weniger in Enttäuschungen ihr Ende finden. So manches Mal kann es dann geschehen, dass der enttäuschte Partner sich für lange Zeit selbst von all diesen Möglichkeiten des menschlichen Miteinanders ausschließt, frei nach dem Motto: Für mich gibt es keinen Partner, der zu mir passt!
Was also bleibt dann von allem zurück? Hoffnungslose Tage, Nächte voll absonderlichster Wünsche, wehmütige Träume, die sich des Öfteren auch in Depressionen verwandeln.
Liebe ist. Liebe ist Heute. Liebe ist das, von dem Erich Fried sagt: »... ist, was es ist!«
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Die junge Frau und der ältere Mann gehen zurück in ihr eigenes Leben, jeder für sich allein. Zurück bleiben Träume vom gegenseitigen Verständnis der Generationen. Ihre Träume. Unsere Träume?
Gestern war! Natürlich, mit all unseren Träumen, Leiden und Freuden.
Morgen wird sein! Mit den gleichen Voraussetzungen, den gleichen Wünschen.
Aber: Heute ist! Das muss, nein das ist der Trost für alle Menschen, die stets nur noch warten. Irgendwann ist es zu spät. 
Dann jedoch bleibt nur noch das ›war‹.
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©by Wildgooseman

15. Februar 2017

Alt werden wir alle gern ...

Es gibt keinen Menschen auf dieser Welt, der nicht weiß, dass die letzten Jahre unseres Lebens mit Beschwerden belastet sind, nicht zu vergessen der Tod, der am Ende des Lebens alles abschließt, was wir erreicht - oder auch nicht erreicht haben.
Jahr um Jahr bringen alte Menschen Opfer und leisten auch oft Verzicht auf alles, was man vielleicht noch wollte.
Seinen eigenen Sinnen und Kräften sollte man schon misstrauen. Nicht alles, was man sich noch zutraut, kann auch ausgeführt werden. Ein Weg, der früher nur ein kleiner Spaziergang war, wird nach und nach zu einem Kraftakt, wird mühsam und lang, immer länger, je älter man wird.
Die körperlichen Freuden, die einstmals die Würze des Lebens waren, werden immer seltener und müssen vielleicht immer teurer bezahlt werden.

All die vielen Krankheiten und Wehwehchen, die früher nur ein müdes Lächeln hervorriefen, die langen Nächte, oft schlaflos, werden häufiger. All das ist einfach nicht wegzuleugnen.

Darüber hinaus aber sollte man nicht vergessen, dass dieses Alter auch Vorzüge mit sich bringt. Man kann seinen Tag einfacher und besser strukturieren.
Das allein bringt schon seine Vorzüge.
Wenn sich zwei alte Menschen treffen, sollten sie nicht nur von ihrem Rheuma, ihrer Atemnot beim Treppensteigen oder den Schmerzen in den Gelenken reden, nicht nur die Leiden und Ärgernisse des Lebens austauschen.
Sie sollten sich eher von all den schönen Erlebnissen und tröstlichen Begebenheiten erzählen, die sie erleben, und das sind gar nicht so wenige, wie viele glauben. 
Wir Weißhaarigen sind nicht die Generation, die nichts mehr kann, beileibe nicht, wir können auch Quellen der Kraft sein, des Trostes und der Zuversicht. Wir kümmern uns um Themen, die meist bei den jungen Menschen noch keine Rolle spielen.
Eine der schönsten Gaben des Alters ist für mich zum Beispiel der reichhaltige Schatz an Bildern, die man nach einem langen Leben in sich gespeichert trägt. Dieser Schatz ist immer abrufbar und braucht auch keine Festplatte oder eine Cloud im Internet!

Wenn die körperliche Aktivität langsam schwindet, wendet man sich diesen Schätzen mit völlig anderen Voraussetzungen zu als in den früheren jungen Jahren.
Menschen, die seit vielen, vielen Jahren nicht mehr unter uns sind, nehmen noch einmal Gestalt an, leben vielleicht auch in uns weiter. Landschaften, Häuser, Städte, inzwischen bis zur Unkenntlichkeit verändert oder sogar ganz verschwunden, werden wieder vor unserem inneren Auge sichtbar. Gebirge, Küsten, die wir vor unendlich vielen Jahren einmal bereisten, sehen wir wie in einem Bilderbuch ganz frisch und farbig vor uns.

Wir wurden früher von Wünschen, Leidenschaften und Begierden gejagt, und - wie viele andere Menschen - sind auch wir durch unser Leben gestürmt. Voller Ungeduld, voller Erwartung und Hoffnung erlebten wir unser Dasein.
Heute, im großen Bilderbuch unseres Lebens blätternd, wundern wir uns darüber, wie schön und gut es doch sein kann, dass wir der Hetze des Daseins entronnen sind.
Hier in diesem Park der alten Menschen blühen Pflanzen, an die man früher nie gedacht hat.
Da ist beispielsweise die Blume der Geduld! Wir werden nachsichtiger, gelassener.
 (Meist jedenfalls.)Wir geben dem Leben der Natur mehr Raum, damit sie sich entfalten kann. (Von aufgezwungenen Ausnahmen abgesehen.)
Das Leben können wir an uns vorüberziehen lassen wie in einem Film, manchmal mit Bedauern, manchmal mit Freude, oftmals auch mit Leid. Wir schauen dem Leben unserer Mitmenschen, unserer Familie oder der Nachbarn zu, wie es weiterfließt, bis auch das eines Tages sein Ende findet.

Wenn dann die ganz jungen Menschen aus der Überlegenheit ihrer Kraft und ihrer Ahnungslosigkeit hinter uns vielleicht lachen, über unsere schütteren Haare, unseren unsicheren Gang; wenn sie unsere runendurchzogenen Gesichter komisch finden, dann können wir uns selbst daran ergötzen, dass wir vielleicht früher - genauso im Besitz unserer vollen Kräfte - auf die gleiche Art hinter den Alten hergelächelt haben.

Heute dürfen wir uns darüber freuen, dass wir dieser Phase entwachsen sind, ein wenig klüger, ein wenig duldsamer geworden sind. Denn das, genau das macht die Weisheit des Alters aus.


©by Wildgooseman
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29. Januar 2017

»Mädchen am Tor«

Gestern war er wieder da. Oder war es vorgestern?
Wenn man wie ich so lange hier verweilt, kommt man doch mit der Zeit in Konflikt. Aber im Grunde genommen ist das doch auch egal. Die Hauptsache ist doch, er kommt wieder. Wenn das Warten doch nicht so schwer wäre.
Angestrengt schaue ich zum Eingang hinüber. Noch immer nichts zu sehen. Ich bin traurig, wo bleibt er nur? Warum lässt er mich so lange warten, er muss doch meine Sehnsucht spüren.

Ich liebe ihn schon seit vielen Monaten, seit dem Tag im Januar, als er zum ersten Mal hier war. Ich erinnere mich gut an daran. Dort, nur ein paar Meter vor mir, sass er auf der Bank, sah mich lange an. Diese wunderschönen braunen Augen haben mich regelrecht verzaubert. Als er dann nach einer halben Stunde aufstand und wieder fortging, habe ich ihm lange nachgesehen. Ja, er drehte sich auch noch einmal um, sein letzter Blick gab mir zu verstehen, dass er mich auch mochte.
Das Mädchen am Tor (1889)
Sir George Clausen


Seit dieser Zeit kam er mit wenigen Ausnahmen an jedem Sonnabend und setzte sich zu mir. Ich war an diesen Tagen völlig durcheinander, schon am Morgen wartete ich auf den Nachmittag. Am letzten Sonnabend hörte ich, wie er flüsterte:
»Ich träume schon von dir!«

Ich hörte es, es gab mir regelrecht einen Stich ins Herz. Ich wollte ihm antworten, aber es war ja nicht möglich, so sehr ich es mir auch wünschte. Als er dann fortging, brach mir fast das Herz.
Ich liebe ihn so unendlich. Und er liebt mich, das fühle ich. Und doch kann es nicht sein, so sehr ich es von ganzem Herzen bedaure. Was gäbe ich doch alles dafür, wenn er mich mitnehmen könnte, für immer mit in sein Haus!

Aber so bleibe ich hier im Museum, denn der Preis für dieses Gemälde ist für ihn unerschwinglich ..
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©by Wildgooseman

26. Januar 2017

Die grüne Flasche




Ich glaube, ich war außergewöhnlich schön. Grün, ein wunderbares Grün, das an die Dünung der Ägäis erinnerte. Mein runder Körper war so ebenmäßig geformt, dass es ein Lustgewinn schien, ihn zu berühren und zu streicheln.
Irgendwann hatte ich einem fantastischen roten Assyrtiko von der Insel Santorini als Behältnis gedient, einem vollmundigen Getränk, dessen Trauben an den Hängen der Insel wuchsen.
Die Häuser des ein wenig entfernt liegenden Ortes Oia schimmerten in der abendlichen Sonne wie zartrosa angehauchte Perlen, die flachen hellen Dächer verbreiteten ein anheimelndes Gefühl von Wärme und Zufriedenheit. Dazu stand ich dann als smaragdgrünes Dekorationsstück auf einer Fensterbank - es war einfach nur schön und ich fühlte mich wohl.
Irgendwann an einem herrlichen Sommertag wurde ich völlig unerwartet von Eleni, der Tochter des Hauses auf die Reise geschickt. Ich war etwas verwirrt, sie schrieb ein paar Worte auf einen Zettel, rollte ihn zusammen und versenkte ihn dann in mir. Sie verschloss mich dann fest mit einem Korken, lief hinauf zu einer Klippe und warf mich weit hinein in die weiße Gischt des Meeres.
Da wurde ich nun umhergeworfen, durchgeschüttelt, oftmals schien es mir, als würde ich an einem Felsen zerschellen. Aber es ging alles gut. Nach endlos langer Zeit landete ich plötzlich auf dem offenen Meer. So schwamm ich dann dahin, ohne zu wissen, wohin ich eigentlich sollte.
Es schien mir eine endlos scheinende Reise zu werden. Ich sah unzählige Strände und Küsten von ferne, wurde durch spiegelnde warme tropische Meere getrieben, oftmals über spielerische saphirblaue Wellenberge gehoben.
Ich sah die hohe See, schaumig und ruhelos in himmelfarbenen Tönen, sah die arktischen Meere, eisig, schwer und azurblau in endlosen Weiten.
In den Nächten, wenn der Sternenhimmel über dem Firmament schläft, schlief auch ich. Ich ruhte in der schwankenden Wiege des nachtblauen Meeres. Es kam auch vor, dass ich von dem Duft des Weines träumte, der mich einst erfüllte. Dann dachte ich an die sonnenverwöhnten Gipfel meiner Insel, an die schattigen Täler am Rande des Vulkans. Ich träumte von Ebbe und Flut am Strand und vom nächtlichen Silberglanz der Mondsichel.
In meinem Inneren bewegt sich ab und zu der geheimnisvolle Brief des Mädchens Eleni. Was mag der Inhalt dieser Botschaft sein? Irgendwo, irgendwann werde ich es erfahren. Bis dahin treibe ich durch die Meere wie einst der »Fliegende Holländer«. Warte auf das Ereignis jenseits aller Träume und Vorstellungen.

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Jérôme hatte Semesterferien. Endlich, es war auch höchste Zeit, eine Unterbrechung des Studiums einzulegen. Er fühlte sich regelrecht ausgebrannt. Grand-merè hatte ihm geraten, während der Ferien zu ihr zu kommen und alle Flügel für einige Zeit in der Sonne trocknen zu lassen.
So war er nun schon einige Tage hier in Saintes-Maries-de-la-Mer bei seiner Großmutter zu Gast. Er fühlte sich wohl hier. Schon als Kind liebte er die Stunden am Meer ohne Stress und Hetze. Hier am Rande der Camargue war die Welt noch in Ordnung, hier war er noch Mensch.
Jérôme liebte die morgendlichen Spaziergänge am Strand; die Stille, in der nur das Rauschen des Meeres hörbar war, brachte sein Herz zum Klingen. Der Blick auf die Weite des Meeres ließ die Unendlichkeit der Schöpfung erahnen. Selbst bei grauem wolkenverhangenen Himmel konnte das Charisma dieser Landschaft mit allen tropischen Schönheiten ohne Frage konkurrieren.
An diesem Morgen war Jéromê schon früh auf den Beinen. Grand-merè wartete erst später mit dem Kaffee auf ihn. So joggte er frohgemut den Strand entlang. Gut gestimmt freute er sich auf den Tag, an dem er später an der Küste mit dem Fahrrad die knapp 15 km zum Phare de la Gacholle fahren wollte. Dieser alte Leuchtturm war das eigentliche Wahrzeichen von Saintes-Maries-de-la-Mer geworden.
Dann sah er sie. Mitten am Rande des graublauen Wassers lag sie, schmutziggrün und doch nicht zu übersehen. Jérôme lief die paar Meter zum Wasser hinunter und hob sie auf, drehte sie in der Hand, betrachtete sie von allen Seiten.
Sie war fast undurchsichtig, stark mit Algen bewachsen, dennoch konnte er ahnen, dass diese Flasche einen Inhalt barg. Aufgeregt setzte er sich auf einen großen Stein am Rande des Weges, atmete ein paarmal tief ein und aus, dann versuchte er, den Korken von der Flasche zu lösen. Es war sehr schwierig, da dieser tief in den Flaschenhals hineingepresst war. Dann fiel ihm sein Taschenmesser ein, das er immer bei sich trug. Da war doch ein Flaschenöffner integriert?
Aufgeregt versuchte er nun die alte Flasche zu öffnen, endlich nach einiger Anstrengung war sein Bemühen von Erfolg gekrönt. Das Fundstück war offen, Jérôme schüttelte den Inhalt heraus - ein graugrüner Zettel fiel ihm entgegen. Einige Worte waren darauf geschrieben. Da es aber griechische Buchstaben waren, die er nicht lesen konnte, war er zunächst ratlos!  
Dann fiel ihm sein Freund ein, der die griechische Sprache beherrschte. Den konnte er um Hilfe bitten.
Am nächsten Tag war dann die Überraschung perfekt! Dieser Flaschenpostinhalt war über 100 Jahre alt, die Schreiberin schon lange nicht mehr unter den Lebenden.
Es fiel Jérôme ungemein schwer, nicht mit Traurigkeit an dieses Mädchen dort auf der griechischen Insel zu denken. Zu gern hätte er gewusst, wie ihr Leben damals weiter verlaufen war.






Ich bin Eleni, ein einsames Mädchen,
ich bin 22 Jahre alt.
Wenn du mir schreiben willst,
ich freue mich auf deine Post.
Meine Adresse ist Oia 24, Santorini


2.Juni 1873





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© by Wildgooseman



24. Januar 2017

Begegnungen


Begegnungen mit anderen Menschen können wie bunte Bilder sein, die man zusammen anschaut. Sie streifen die Seele, eröffnen Türen zu grazilen Glashäusern, die so zerbrechlich sind, dass schon ein Windstoß ausreicht, um alles zu zerstören.
Solche Schwingungen von Herz zu Herz sind Vibrationen des Bewusstseins, sie schaffen eine Verbindung zwischen gleich gesinnten Geistern. Jede Bewegung dieser Art hinterlässt eine Spur, die den Menschen im Innersten berührt und nie ganz vergeht. So manches Mal sind solche Begegnungen wie Schneeflocken im Winter, sie begleiten uns ein Stück und verschwinden schnell wieder in der Unendlichkeit. Solch ein Zusammentreffen kann auch wie der Wind sein, er streichelt die Haut, zaubert ein Lächeln aufs Gesicht, man fühlt sich einfach wohl dabei.

Manch ein Zusammentreffen ähnelt den kühlen Regentropfen! Sie berühren die Haut, machen uns sprachlos und nehmen die Träume, aber auch die Wünsche mit auf ihre Wanderschaft. Wenn liebevolle Umarmungen wie ein Sonnenstrahl das Herz umschließen, öffnen sie Herz und Arme, schenken dabei der Seele Geborgenheit und Wohlbefinden.
So können Begegnungen mit Menschen, vielleicht auch aus weiter Ferne, wie Sterne am Nachthimmel leuchten. Sie schaffen es, dass Augen strahlen, bringen das Herz zum raschen Schlagen und leben unvergesslich in der Erinnerung.
Wir alle haben es in der Hand, solche Glücksmomente zuzulassen, verschließen wir uns doch nicht vor ihnen. Lassen wir es nicht zu, dass wir an diesen kleinen Freuden des Lebens achtlos vorübergehen. Es könnte sonst sein, dass die Liebe in der Kälte stehen bleibt, jeder zärtliche Gedanke einfach erfriert, weil sich keiner traut, einen Schritt weiter zu gehen und eine Umarmung anzunehmen.
„For the world you are just somebody, but for somebody you are the world."
(„Für die Welt bist du irgendjemand, aber für jemanden bist du die Welt!“)

Ich wünsche allen, die nach etwas suchen, dass sie auch bereit sind, sich selbst finden zu lassen ...


©by Wildgooseman

22. Januar 2017

Spurensuche


Wo findest du die Spur
der freien Menschen,
die ihren Willen dem Commerz
nicht unterordnen,
die Stirn dem Leben bieten
und dazu ihr Herz.

Du findest Akzeptanz
nur bei den Heimatlosen,
die in der Mitte der Gesellschaft
stets am Rande stehen.
Du brauchst nur etwas Mut
und dazu dein Herz.

Frag sie nach ihrem Sehnen,
das sie stets verleugnen,
nach ihrem grossen Glück,
das niemals sie gekannt.
Frag sie nach ihrem Schicksal
und frag dazu dein Herz.


Wenn du dich selbst nicht kennst,
schaust nicht zur gleichen Zeit
hinter die eigene Fassade,
bleibst du ein Suchender;
dann gibt es keinen Ruheplatz
für dein eigenes Herz.

©by Wildgooseman

17. Januar 2017

Hoffnung.


Jeder Mensch kennt die Zwangslagen des Lebens. Tief unten im Tal der Tränen stehen, unter den Trümmern seiner Zuversicht und seiner Pläne zusammenzubrechen und nicht wissen, wie es überhaupt weitergehen soll. So etwas geschieht tagtäglich überall auf der Welt.
Was hat das Schicksal mit mir vor? Warum gerade ich? Was habe ich getan, dass es gerade mir so ergeht?
Fragen, auf die es eine allgemein gültige Antwort nicht gibt, gar nicht nicht geben kann. Jeder - ohne Ausnahme - kommt irgendwann einmal in eine Situation, die niemand voraussehen kann und die ihn dann richtiggehend »fertigmacht«.
Dann suche ich einen Halt, sei es auch nur der sprichwörtliche »Strohhalm«, um mich daran festzuhalten. Vielleicht kann ich mich sogar daran emporziehen? Aber erst einmal solchen Halt finden. Das ist leichter gesagt als getan. Ich hoffe auf Hilfe, vielleicht auf einen Menschen, einen guten Freund, obwohl gerade die in solchen Situationen rar sind. Hoffnungslos irre ich durch das nächtliche Dunkel, nirgendwo ein Hinweis auf eine Änderung meines Zustands.

Dann, urplötzlich: eine offene Tür! Und von drinnen her geht ein Hoffnungsstrahl hinaus in das Dunkel; warm und hell strahlt mir ein Licht entgegen, lädt mich ein, ruft mir fast zu:
»Tritt ein, mein Freund, du bist hier willkommen! Hier bekommst du Hilfe für die Probleme, die dich belasten. Und alles ist gratis, es wird keine Gegenleistung von dir erwartet!«

Sie ist fast nicht glaubhaft, diese Aussage, und doch wird sie uns zugesagt!
»Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan. Matthäus 7,7
Gut, vielleicht ist damit noch nicht alles behoben? Aber ich bin auf dem richtigen Weg. Ich lege hier drinnen in der warmen Stube alles auf den Tisch, was mich quält, ich kann alles loswerden, was mich bedrückt.
Und dann - erst dann - kann ich neu beginnen, ich werde an die Probleme herangehen, sie von einer anderen Warte betrachten und meist finde ich dann mit Gottes Hilfe auch die richtige Lösung meines Problems.
Wenn nicht, habe ich noch nicht alles hinter mir gelassen, es gibt noch Punkte, die mich belasten, die ich nicht beachtet habe. Die gilt es, dann auch noch zu bereinigen. Aber die Wärme, die Verlockung dieser offenen Tür wird mich wieder und wieder aufnehmen und alles richten.

Das weiß ich und darauf vertraue ich.

©by Wildgooseman

13. Januar 2017

Es ist still geworden.


Als er in der Frühe wieder zu ihr kommt, hat der morgendliche Ablauf schon seinen Anfang genommen. Wie jeden Morgen singt Maria mit ihrer wunderschönen glockenhellen Stimme ihr Lied und die Menschen im Speisesaal hören ihr begeistert zu.
Alle Schwestern und Patienten kennen dieses eintönige, unharmonische Lied, es beginnt und endet immer mit dem gleichen Ton. Dieser Ton verklingt zwar schnell, ist jedoch unterschwellig immer hörbar, ohne dass ein Nachhall die Resonanz stört. Irgendwann wird der letzte Ton zum Schweigen gebracht, ist nun nach zahllosen Wiederholungen unhörbar geworden. Dann tritt für lange Zeit eine Stille ein. Eine erbarmungslose Stille, sie eroberte den Raum sehr schnell wieder zurück.

Maria verbeugt sich nach allen Seiten, wirft hier und da eine Kusshand in den Saal und setzt sich dann an ihren Frühstückstisch.
Dann schweigt sie. Es ist, als wäre der Stundenschlag der Glocke verhallt und ruhte sich nun aus für den nächsten Auftritt. Die wunderschönen blauen Augen der Frau leuchteten früher stets in leidenschaftlichem Glanz, jetzt sind sie stumpf geworden, blicken rastlos im Raum umher. Ihre ziellosen Blicke verursachen ein Chaos in seinen Gedanken. 

Sie schaut ihn an, aber sie sieht ihn nicht. Sie erzählt etwas und weiß doch nicht, was sie sagt. Sie sitzt vor ihrem Teller und kann allein nichts damit anfangen. »Mutti« nennt sie die Nachtschwester und erzählt ihr, dass ihr Bruder sie geschlagen hätte. Ihre Worte sind keine Sätze mehr, nur halb verständliches Kauderwelsch.
Jeder dieser emotionale Momente bringt seine Gedanken ins Ungleichgewicht, baut sich zeitweilig auf zur Aggression, um kurz darauf in eine tiefe Mitleidsphase zu versinken. Er will mit ihr zusammen sein, ja, aber er kann sie nicht mehr erreichen.

Sie lächelt ihn an, ein leeres Lächeln, das nichts weiter bedeutet. Er versucht daraufhin, ihr etwas Liebes zu sagen, sie versteht es nicht, nickt nur mehrmals heftig mit dem Kopf. Ihr Blick verrät ihm, dass sie nichts verstanden hat.


Trauer macht sich in seinem Gemüt breit, wie stets in solchen Situationen drückt sie sein eigenes Ego völlig an den Rand des Daseins. Maria ist nicht mehr seine Maria und doch ist sie seine Frau, die er so sehr geliebt hat und immer noch liebt. Er wünscht sich nichts mehr, als in ihre Welt eindringen zu können, sie zu verstehen, wie er sie in all den Jahren ihres Zusammenseins immer verstanden hat.

Doch sie ist ihm entglitten, ist nur mehr eine leere Hülle, ihre Seele hat sie schon längst verlassen. Er muss einfach akzeptieren, dass ihrer beider Herzen nicht mehr im gleichen Takt schlagen, sondern getrennt voneinander in verschiedenen Existenzen leben.
Welch eine Wahrheit, welch eine unselige Gewissheit wird hier offenbar. Wie weit reicht Liebe? Kann sie den Tod überdauern?
Ja, vielleicht. 
Kann sie aber einem Leben so viel Energie schenken, dass sie auch weiterhin, trotz einseitiger Zuwendung, bestehen bleibt? Fragen, die kaum jemand beantworten kann.


Maria ist seine Frau. Gewiss. Aber sie ist ein anderer Mensch.
Er liebt sie auch weiterhin, aber er liebt einen Menschen, der einmal war und nun nicht mehr der Gleiche ist, nie mehr sein wird.
Um diese Diskrepanz zu begreifen, wird er noch lange Zeit brauchen. Diese frühere Zeit ist auch nicht mehr rückholbar, damit muss er leben. Dieses Leben, sein eigenes Leben in der Zukunft aber wird bedeutend schwerer sein als das Leben seiner Frau, deren Gedanken im Nirgendwo ihre Heimat gefunden haben! 

©by wildgooseman