17. Januar 2017

Hoffnung.


Jeder Mensch kennt die Zwangslagen des Lebens. Tief unten im Tal der Tränen stehen, unter den Trümmern seiner Zuversicht und seiner Pläne zusammenzubrechen und nicht wissen, wie es überhaupt weitergehen soll. So etwas geschieht tagtäglich überall auf der Welt.
Was hat das Schicksal mit mir vor? Warum gerade ich? Was habe ich getan, dass es gerade mir so ergeht?
Fragen, auf die es eine allgemein gültige Antwort nicht gibt, gar nicht nicht geben kann. Jeder - ohne Ausnahme - kommt irgendwann einmal in eine Situation, die niemand voraussehen kann und die ihn dann richtiggehend »fertigmacht«.
Dann suche ich einen Halt, sei es auch nur der sprichwörtliche »Strohhalm«, um mich daran festzuhalten. Vielleicht kann ich mich sogar daran emporziehen? Aber erst einmal solchen Halt finden. Das ist leichter gesagt als getan. Ich hoffe auf Hilfe, vielleicht auf einen Menschen, einen guten Freund, obwohl gerade die in solchen Situationen rar sind. Hoffnungslos irre ich durch das nächtliche Dunkel, nirgendwo ein Hinweis auf eine Änderung meines Zustands.

Dann, urplötzlich: eine offene Tür! Und von drinnen her geht ein Hoffnungsstrahl hinaus in das Dunkel; warm und hell strahlt mir ein Licht entgegen, lädt mich ein, ruft mir fast zu:
»Tritt ein, mein Freund, du bist hier willkommen! Hier bekommst du Hilfe für die Probleme, die dich belasten. Und alles ist gratis, es wird keine Gegenleistung von dir erwartet!«

Sie ist fast nicht glaubhaft, diese Aussage, und doch wird sie uns zugesagt!
»Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan. Matthäus 7,7
Gut, vielleicht ist damit noch nicht alles behoben? Aber ich bin auf dem richtigen Weg. Ich lege hier drinnen in der warmen Stube alles auf den Tisch, was mich quält, ich kann alles loswerden, was mich bedrückt.
Und dann - erst dann - kann ich neu beginnen, ich werde an die Probleme herangehen, sie von einer anderen Warte betrachten und meist finde ich dann mit Gottes Hilfe auch die richtige Lösung meines Problems.
Wenn nicht, habe ich noch nicht alles hinter mir gelassen, es gibt noch Punkte, die mich belasten, die ich nicht beachtet habe. Die gilt es, dann auch noch zu bereinigen. Aber die Wärme, die Verlockung dieser offenen Tür wird mich wieder und wieder aufnehmen und alles richten.

Das weiß ich und darauf vertraue ich.

©by Wildgooseman

13. Januar 2017

Es ist still geworden.


Als er in der Frühe wieder zu ihr kommt, hat der morgendliche Ablauf schon seinen Anfang genommen. Wie jeden Morgen singt Maria mit ihrer wunderschönen glockenhellen Stimme ihr Lied und die Menschen im Speisesaal hören ihr begeistert zu.
Alle Schwestern und Patienten kennen dieses eintönige, unharmonische Lied, es beginnt und endet immer mit dem gleichen Ton. Dieser Ton verklingt zwar schnell, ist jedoch unterschwellig immer hörbar, ohne dass ein Nachhall die Resonanz stört. Irgendwann wird der letzte Ton zum Schweigen gebracht, ist nun nach zahllosen Wiederholungen unhörbar geworden. Dann tritt für lange Zeit eine Stille ein. Eine erbarmungslose Stille, sie eroberte den Raum sehr schnell wieder zurück.

Maria verbeugt sich nach allen Seiten, wirft hier und da eine Kusshand in den Saal und setzt sich dann an ihren Frühstückstisch.
Dann schweigt sie. Es ist, als wäre der Stundenschlag der Glocke verhallt und ruhte sich nun aus für den nächsten Auftritt. Die wunderschönen blauen Augen der Frau leuchteten früher stets in leidenschaftlichem Glanz, jetzt sind sie stumpf geworden, blicken rastlos im Raum umher. Ihre ziellosen Blicke verursachen ein Chaos in seinen Gedanken. 

Sie schaut ihn an, aber sie sieht ihn nicht. Sie erzählt etwas und weiß doch nicht, was sie sagt. Sie sitzt vor ihrem Teller und kann allein nichts damit anfangen. »Mutti« nennt sie die Nachtschwester und erzählt ihr, dass ihr Bruder sie geschlagen hätte. Ihre Worte sind keine Sätze mehr, nur halb verständliches Kauderwelsch.
Jeder dieser emotionale Momente bringt seine Gedanken ins Ungleichgewicht, baut sich zeitweilig auf zur Aggression, um kurz darauf in eine tiefe Mitleidsphase zu versinken. Er will mit ihr zusammen sein, ja, aber er kann sie nicht mehr erreichen.

Sie lächelt ihn an, ein leeres Lächeln, das nichts weiter bedeutet. Er versucht daraufhin, ihr etwas Liebes zu sagen, sie versteht es nicht, nickt nur mehrmals heftig mit dem Kopf. Ihr Blick verrät ihm, dass sie nichts verstanden hat.


Trauer macht sich in seinem Gemüt breit, wie stets in solchen Situationen drückt sie sein eigenes Ego völlig an den Rand des Daseins. Maria ist nicht mehr seine Maria und doch ist sie seine Frau, die er so sehr geliebt hat und immer noch liebt. Er wünscht sich nichts mehr, als in ihre Welt eindringen zu können, sie zu verstehen, wie er sie in all den Jahren ihres Zusammenseins immer verstanden hat.

Doch sie ist ihm entglitten, ist nur mehr eine leere Hülle, ihre Seele hat sie schon längst verlassen. Er muss einfach akzeptieren, dass ihrer beider Herzen nicht mehr im gleichen Takt schlagen, sondern getrennt voneinander in verschiedenen Existenzen leben.
Welch eine Wahrheit, welch eine unselige Gewissheit wird hier offenbar. Wie weit reicht Liebe? Kann sie den Tod überdauern?
Ja, vielleicht. 
Kann sie aber einem Leben so viel Energie schenken, dass sie auch weiterhin, trotz einseitiger Zuwendung, bestehen bleibt? Fragen, die kaum jemand beantworten kann.


Maria ist seine Frau. Gewiss. Aber sie ist ein anderer Mensch.
Er liebt sie auch weiterhin, aber er liebt einen Menschen, der einmal war und nun nicht mehr der Gleiche ist, nie mehr sein wird.
Um diese Diskrepanz zu begreifen, wird er noch lange Zeit brauchen. Diese frühere Zeit ist auch nicht mehr rückholbar, damit muss er leben. Dieses Leben, sein eigenes Leben in der Zukunft aber wird bedeutend schwerer sein als das Leben seiner Frau, deren Gedanken im Nirgendwo ihre Heimat gefunden haben! 

©by wildgooseman

Nachruf?


Gestern am frühen Morgen wurde mein Präteritum beigesetzt. Es hat nun endlich die verdiente Ruhe, die Qualen dauerten schon etliche Zeit und ließen kaum noch Zeit zum Atmen. Jetzt bin ich frei, zu tun was immer ich will, zu denken, was immer ich möchte. Die Schwingen der neuen Freiheit tragen mich bis an das Ende des Wegs, den ich mir selbst gewählt habe.
Von Beileidsbesuchen bitte ich abzusehen, sie würden den falschen Adressaten erreichen. Böses Blut hatte ich doch schon genug, nun ist es Zeit für etwas Neues. Kranzspenden sind nicht erwünscht, die Blumen gehören den Lebenden, auf dem Grab sind sie eine vergebliche Liebesgabe. Sie wären früher angebracht gewesen.

Das Morgenrot winkt verheißungsvoll den neuen Tag herbei, strahlend im Blau des Firmaments und doch liegt etwas Geheimnisvolles, vielleicht sogar Drohendes hinter der dunklen Wolkenwand darüber verborgen. Was wird mir dieser Ostwind bringen? Neues Leid, neuen Verdruss? Oder friedvolle Tage, freudige Überraschungen? Ich bin wie immer neugierig, kann es kaum erwarten, denn unerwartete Erscheinungen hatten bisher stets unangenehme Folgen.

Ach, verzeih, du kanntest es nicht? Warum denkst du dann so angestrengt darüber nach? Wenn es dich doch nicht berührt, hast du keine Veranlassung zur Trauer, es wären doch sinnlose Gedanken.
Ich kannte viele, die auch glaubten, ihr Präteritum nicht zu kennen und plötzlich fiel ihnen wieder ein, wie viele Nächte sie mit ihm verbracht hatten. Wie viel Tränen sie geweint, wie viele Stunden sie schlaflos verbrachten.

Du erinnerst dich jetzt? Ja, so erging es mir auch. Auch ich war dem großen Verdrängungsprozess ausgeliefert. Bis gestern. Das ist nun vorbei. Ich hoffe es jedenfalls für mich. Und für dich! Denn du hast es genau so nötig, bist auch eingespannt in den täglichen Realismus.

Ich wünsche mir, auch einmal deine Anzeige zu lesen:
Gestern am frühen Morgen wurde mein Präteritum beigesetzt!  †


©by Wildgooseman

11. Januar 2017

Traum vom Märchenland


Können Regentropfen reden, während sie zur Erde fallen? Kann es sein, dass sie es nur eilig haben hinunterzukommen? Hätte vielleicht jeder seine eigene Sprache um die Geschichte seines Bruders zu empfinden und zu hören? Oder ist es so, dass alle gleich sind ohne Sinn und eigene Bedeutung und sie hätten sich nichts zu sagen?

Kommt, Freunde, lasst uns doch die Welt einfach mit Märchenaugen sehen, lasst die Hoffnung den Schmerz außer Kraft setzen und Freude die Oberhand gewinnen. Seht doch, wie viel Licht dort hinter dem Schatten ist! Und bitte sprecht leiser, damit die Träume sich nicht fürchten, sie sind doch sehr schreckhaft.
Das Negativum in der Welt versucht immer wieder, lauter zu reden oder sogar zu schreien, damit es sich hinter dem Schleier des »Nicht-verstanden-werden« verstecken kann. Lassen wir es nicht zum Führer durch unser Leben werden und unsere Sinne gefangen nehmen.
Hört ihr den Wind stöhnen und voller Wehmut dahinziehen? Er weht bis zum Gespinst unserer Traumbilder, gleitet weiter in die Unendlichkeit und lässt uns zurück, wenn wir nicht darauf achten. Dann aber ist es zu spät, denn wer nur noch Rückschau hält, verliert den Kontakt zur Gegenwart. Die dann davon hervorgerufene Wirklichkeitsebene wird von unseren Traumschleiern verdeckt, öffnet eine Tür ins Unendliche mit einem Blick auf das Nichts! Wer will das?

Franz Kafka sagt: „Das Glück begreifen, dass der Boden, auf dem Du stehst, nicht größer sein kann, als die zwei Füße ihn bedecken.
Dieses Glück zu haben, zu vervollkommnen, ist eigentlich das Glück überhaupt. Was wissen wir, was erinnern wir noch von dem, das für uns einst selbstverständlich war? Wir wussten doch schon als Kinder, dass Schneeflocken, diese einzigartigen unverwechselbaren Gebilde, weinen können! Wir vergaßen es. Natürlich, die Realität des täglichen Lebens macht es keinem Menschen leicht, in den lichten Höhen der Märchen zu leben.
Aber gerade dieses Nichtwissen und dennoch erinnern macht uns zu einzigartigen Geschöpfen.


Wir dürfen das Wunderbare des Lebens erkennen, wenn wir es nur zulassen. Wir schauen bis zum Horizont, der so fern scheint, doch ein kleiner Schritt reicht, dass er uns gehört.
Das geht nicht? Hast du es mal versucht? Als Kind konntest du es, dir gehörte die ganze Welt. Dann holte die Realität dich ein, von diesem Moment an sprachen die Regentropfen kein Wort mehr, die Schneeflocken weinten nie wieder.
Still! Hörst du sie wieder? Wenn sie schweigen, bist du noch nicht wieder im Märchenland angekommen. Aber du bist auf dem richtigen Weg. Ganz gewiss, denn du träumst wieder.


©by Wildgooseman

8. Januar 2017

Worte der Liebe


Die Stunden der Nacht sind vorüber. Worte beginnen zu wandern. Hier hin - dort hin. Tief unter der Haut verwurzeln die Worte im Zwielicht des Morgens. Streifen leise durch das morgendliche Grau des Zimmers. Flüstern Geständnisse, beichten kleine Geheimnisse des Lebens, die sonst unausgesprochen blieben. Weil Liebe unteilbar ist, bedarf sie weder einer Frage noch einer Antwort.
Blicke treffen sich. Finden sich zum traulichen Miteinander.
Spannen Netze aus filigranen Silberfäden, glänzende Wunderwerke des Daseins. Verbinden sich zur Einheit des frühen Tages ohne Rücksicht auf die gesichtslose Form des Morgens. Die Nacht bleibt zurück, ist bedeutungslos geworden, ist Vergangenheit. Nur die Stunde zählt, die Stunde der Liebenden.
Erinnerungen sprechen eine eigene Sprache, kaum einer versteht sie. Hätten die Augen Geduld, würden sie auf die kleinen Dinge achten, könnten Farben erkennen und aus dem Mosaik Bilder formen. So jedoch bleiben sie im Gewirr des Morgens hängen. Wozu fragen, wenn man die Antwort kennt? Aus dem Dunst der Vergangenheit entsteht ein Fragment der Zukunft, zwar unvollständig, dennoch bildhaft in klaren Farben.

Nein, Worte sind nicht Schall und Rauch, wie der Dichter sagt! »Ich liebe Dich« ist ein Abbild des Denkens, ein Synonym für ein Miteinander des Lebens, vielleicht begrenzt auf Zeit, vielleicht für die Ewigkeit; auf jeden Fall aber fliegen die Herzen in intimer Zweisamkeit empor zu den Sternen. Sie verlieren sich dort und finden sich immer wieder.

»Ich liebe dich!« Der Sinn dieser Worte ist so bemerkenswert, dass er aufgehoben wird bis an das Ende der Tage. Man möchte ihn mit den Händen fassen und bewahren, obwohl die Vergänglichkeit des eigenen Ichs lange erkannt ist.
Worte sind der Gesang der Seele. Einmal gesprochen sind sie fort, fliegen in die Weite. Kehren auch nie zurück, überwintern im Dunst des Erinnerns, bis sie melodiös als Duett im warmen Strudel des Frühlings erklingen, eine Sinfonie der Liebe in einer Welt der Kälte.
Wenn die Stunden der Nacht vorüber sind, gebiert der Morgen das Licht, lässt das verwelkte Dunkel hinter sich und entsorgt es auf den Stapel des Vergessens.
Gestern war, morgen wird sein. Beides ist nicht mehr oder noch nicht beeinflussbar, allein das Heute ist der Weg unseres Daseins.
Ohne Notwendigkeit, ohne jede Vorbedingung und ohne jede Suche schenken die Worte der Liebe Wärme und Vertrauen, Hingabe und Erfüllung. Im Leben eines Menschen kann nichts bedeutsamer sein als gemeinsam gelebte Stunden, Tage und Jahre. Sie ergeben die Quintessenz des Lebens zu zweit.
Oftmals aber sind »Einsam« und »Gemeinsam« Zwillingsgeschwister! Dort, wo die Worte der Liebe verloren gingen, verschwindet oftmals das »Gem« auf unerklärliche Weise. Und niemand weiss, wohin es ging. Eines grauen Morgens war es nicht mehr da.
Das geschah dann, wenn die Vergangenheit die Oberhand erhielt oder die Zukunft im Blickpunkt stand. Wenn das Heute, das Leben im »Jetzt« nicht mehr im Vordergrund steht, verliert auch das Wort »Ich liebe dich« an Bedeutung, es wird dann nur noch als inflationäres Anhängsel benutzt und irgendwann hat es seine Wichtigkeit vollends verloren!
Die Nacht blieb zurück, wurde bedeutungslos. Nur die Stunde zählt, die Stunde der Liebenden ...


 ©by Wildgooseman

1. Januar 2017

Schwanengesang


Tief aus den Sümpfen schwebt der Schwan herein zu seinem Schlafplatz. Sanft gelandet beginnt er zu singen, seine Stimme klingt rein und klar, die Partnerin auf dem Nest begrüßt ihn ebenfalls mit einem Gesang. Der Gesang der beiden Schwäne erweitert das Herz, bringt die Seele zum Schwingen.

Die Sonnenschleife zieht ihre tiefe Bahn am Himmel, wie ein gewaltiger Kupferkessel erfüllt das Firmament mit seinem Bronzeton den Horizont. Die farbige Dunkelheit voller Schatten erfüllt die Weite der Landschaft. Hohe Berge des ewigen Frostes lehnen sich gegen die Eisplatten der Taiga.

Die Schwäne singen, ihre metallenen Stimmen klingen wie Harfentöne, streicheln hier den Ton und lassen dort ein Tremolo leise in die Mitternacht hinausklingen. Der hohe Himmel lässt die erhabene Dunkelheit verschwimmen, färbt sich langsam, ein grünes Leuchten zieht von Stern zu Stern, die Nordlichter glasieren die Berggipfel, irisierende Bögen vereinen sich in der blauen Nacht zu einer feuriggrünen Aurora.

Und die Schwäne singen weiter ihr gemeinsames Liebeslied. Das Glühen des Himmels schickt seine Strahlen weit in die blaue Dunkelheit, pulsiert, senkt sich und steigt wieder auf, explodiert in völliger Stille zu einer Eruption des Lichtes.

Mit einem Finale wie das Geläute der Angelus-Glocke erheben sich die beiden Schwäne, spreizen ihre Flügel, schütteln sie. Schließlich öffnen sie die schneeweißen Schwingen weit, heben sich dann mit einem hellen Ton rufend hinaus in die Weite der borealen Landschaft. Sie gleiten mit sanften Flügelschlägen hinein die unendliche Finsternis des künftigen Jahres.
Irgendwann später kehren sie zurück, gründen neue Generationen. Die singen dann eigene Liebeslieder und im Schein des erhabenen Nordlichts erzählen sie von den wechselnden Wundern der Natur.

Aber tief in den Sümpfen der sibirischen Taiga hört niemand das letzte Danklied des Schwanenpaares, allein nur der Schöpfer spricht dazu sein Amen.

©by wildgooseman
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16. Dezember 2016

Und es begab sich ...


Und es begab sich zu der Zeit, da mehrere Raketen einschlugen in den Ort, da die Frau und ihr Mann lebten. Und dieser Raketenüberfall war nicht der Erste einer langen Serie und geschah zu der Zeit, als ein größenwahnsinniger Mensch in Syrien an der Macht war.


Und siehe, der Mann sprach zu seiner Frau: Lass uns gehen in ein anderes Land, auf dass unser Kind in Frieden geboren werden kann!
Und sie machten sich auf und zogen gen Norden, da sie gehört hatten, dort käme man in die Gebiete und Länder, da man in Frieden leben könne.
Und mit ihnen machte sich auch auf eine große Menge an Menschen, die alle den gleichen Wunsch und das gleiche Ziel hatten: In Frieden zu leben.
Und siehe, es begab sich, dass eine Meldung die Runde machte, dass ein Junge geboren sei. Irgendwo dort hinten im Lager zwischen alten Matratzen und Zeltbahnen, die nie benutzt werden konnten, weil keine Stützen dafür vorhanden waren. Diese waren schon längst in den kalten Nächten verfeuert, als die Temperatur unter 10° Minus sank.
Zwischen Stacheldrahtzaun und Blechkanistern und unter einem notdürftig aufgespannten Zeltdach wurde das Kind geboren, denn sie hatten sonst keinen Platz im Lager. Und die Eltern wickelten den Jungen in schmutzige Decken, die noch vor einigen Tagen bei der Überwindung des Stacheldrahts gute Dienste leisteten; diese halfen mit, dem Kinde das Überleben zu sichern. Und man nannte ihn Jehoschua, d.h. Gott ist Hilfe.
Und siehe: Keines der Tiere war da, von denen man immer gehört hatte. Der Ochse und die Schafe, die das Neugeborene hätten wärmen können, waren schon vor Wochen geschlachtet und verzehrt worden. Und der magere Esel wurde gebraucht, um die Wasserkanister vom weit entfernten Bach ins Lager zu transportieren, da sonst kein Wasseranschluss vorhanden war.
Und es waren noch andere Flüchtlinge auf dem Felde im Lager, die hüteten des Nachts ihre letzten Habseligkeiten, die sie aus den Trümmern ihrer Häuser hatten retten können, da sie ihnen sonst gestohlen würden.
Und da war kein Engel, der sie tröstete und auch keine himmlischen Heerscharen. Die nämlich waren alle geflüchtet vor den grausamen Truppen. Und statt einer Stimme aus den Wolken hatten sie alle noch den Donner der Raketen im Ohr, die in ihre Städte einschlugen.
Und so waren alle Menschen allein dort im Lager, in erbarmungsloser Kälte und ohne Stall und ohne Obdach. Aber alle träumten sie von dem wundersamen Leben in der Ferne, von denen ihnen erzählt worden war. Und alle, vor die es kam, glaubten daran und wollten sich aufmachen, den Frieden in der Fremde zu suchen, sobald das Wetter es wieder zuließ.
Und wenn sie nicht angekommen sind, haben sie ihr Leben dort verloren, wohin sie ihr Schicksal führte ...


©by wildgooseman


6. Dezember 2016

Brücke zum Leben

Als ich damals die Brücke betrat, ahnte ich noch nichts von der Tragweite dieses Schrittes.
Ich fühlte mich durchaus in der Lage, diesen Gefahren zu begegnen, die mich auf der anderen Seite erwarteten. Was konnte mir denn schon noch geschehen? Mir, der ich schon durch alle Wüsten und Berge des Lebens gewandert war, der ich schon so oft abstürzte und doch immer wieder die Höhen erklimmen konnte. Ich kannte die Welt von allen Seiten, sowohl die bösen wie auch die guten. Worüber sollte ich mir Gedanken machen?

Dann, auf der Hälfte des Wegs, mitten auf der Brücke, kam bei mir doch ein Gefühl von Verlassenheit auf. Diese Gedanken der Unsicherheit beherrschten plötzlich mein Fühlen, dieses Wissen um das Nichtwissen! Was würde ich dort vorfinden? Alles lag noch im Nebel der Zukunft verborgen, nicht einmal andeutungsweise war etwas zu erahnen. Ich sah vorn nichts als schleierhaftem Dunst, hinter mir der weisse Nebel des Daseins. Urplötzlich befand ich mich im Niemandsland meines Lebens, mitten auf der Brücke in ein neues Leben und noch meilenweit davon entfernt.
Ich wusste nicht, wie es weitergehen würde, aber ich wusste, dass es weiterging! Diese abstrakte Tatsache, so unwirklich sie auch war, trieb mich weiter. Was blieb mir sonst auch übrig?
                                             Vieles erfahren haben, heisst noch nicht, Erfahrungen zu besitzen!                                                                                                                         (Marie v.Ebner-Eschenbach)

Die Gedanken an diesen Aphorismus gaben mir ein Gefühl von Wirklichkeit. Was auch immer geschehen würde, mein Weg würde sich unabänderlich auf der anderen Seite der Brücke fortsetzen! Ein letzter Blick zurück, ein verlorenes Paradies? Nein. Ich ließ weder Himmel noch Hölle hinter mir, es war lediglich ein Abschnitt meines Lebens, der sich irgendwann vom ursprünglichen Pfad abgekoppelt hatte.
Dieser Weg auf der zweiten Hälfte der Brücke war immer noch unwirklich. Schemenhaft schienen ihn Gestalten zu kreuzen, bauten sich wie Figuren eines dionysischen Dramas auf und verschwanden dann wieder in der Versenkung des weissen Nebels. Mehrmals verharrte ich am Rande der Brücke, warf einen Blick in das schemenhafte Etwas, das dort unten brodelte und plätscherte.
Manchmal klang es wie das Flüstern von Stimmen, die geisterhaft verhalten ihre Hintergrundmelodie zum Ablauf des Daseins einbrachten. Wenn ich dann meinen Weg fortsetzte, kam immer ein Gefühl von Befreiung auf. Es war wie ein Abwerfen von Gewichten, die anscheinend tausend Jahre auf mir gelastet hatten und nun in den Tiefen des Wassers unter mir verschwanden!
Vorn hatte sich eine Wolkenwand aufgebaut. Es schien das Ende dieser Brücke zu sein. Einzelne Bäume u nd Büsche bauten sich vor mir auf. Der Pfad zwischen den Baumgruppen wurde zunehmends enger und enger. Schon als ich die Brücke hinter mir gelassen hatte, spürte ich, wie ich liebevoll aufgenommen wurde.
Ich schaute zurück auf das andere Ufer. Nichts mehr da, das mich an die Vergangenheit erinnert hätte. Nichts mehr da, das ich vergessen müsste. Da stand nur noch diese Brücke, fest und standhaft zwischen zwei Welten. Diese geisterhafte Brücke, die ich überschritten hatte im Bewusstsein des Zukünftigen. Es war die Brücke in ein Vorwärts ohne Zurück.

Pantha rei! Welcher Fluss fließt bergauf, welches Menschenleben wird rückwärts gelebt? Ich spürte den Pulsschlag dieser meiner Zeit, der das Schlagen des eigenen Herzens übertönte und deutlich sprach, so wie Gerd Uhlenbruck es ausgedrückt hat:
                                                        Wer nur mit dem Verstand lebt, hat das Leben nicht verstanden!

©by Wildgooseman

26. November 2016

Erwartungen zum Weihnachtsfest



Weihnachten. Zeit der Begegnungen. Familien finden zueinander, Menschen, die sich monatelang nicht sahen, treffen sich endlich mal wieder.
Weihnachten, Fest der großen Erwartungen. Das war schon früher so, als wir noch Kinder waren. Wie fieberten wir doch diesen Tagen entgegen. Wochenlang bereiteten wir uns darauf vor, wir hatten unsere kleinen Geheimnisse, alle anderen taten ebenfalls sehr geheimnisvoll. Schließlich konnten wir es kaum noch aushalten vor lauter Vorfreude.
Auch für viele Erwachsene ist Weihnachten das Fest der großen Erwartungen. Weihnachten - das muss so sein, wie es früher war. Da sind wir wieder alle beisammen, da nehmen wir uns viel Zeit füreinander, da ist alles harmonisch und friedlich.

Das ist dann fast so, als sollte an einem Tag des Jahres all das wieder in Ordnung gebracht werden, was in den vergangenen Jahren kaputtgemacht gemacht wurde. Aber - das war niemals, zu keiner Zeit so, auch früher nicht und noch früher nicht - das hat nie geklappt.
Und so wird Weihnachten meist das Fest der herben Enttäuschungen. Die Erwartungen waren so groß, riesengroß. Dann aber kam alles anders.

Die Kinder sind sauer, weil sie nicht das bekommen haben, was sie sich wünschten.
Onkel und Tante machen ein verkniffenes Gesicht: 
»Bei euch ist es aber auch nicht mehr so wie früher«
»Wir wollten uns doch nichts mehr schenken, nicht wahr?« 

»Davon weiß ich nichts.«
 Onkel Fritz ist beleidigt, als man ihn auf sein schlechtes Gedächtnis aufmerksam macht. »Ich habe euch das Zeitungs-Abo extra ausgesucht.«

Ja, darüber freut man sich auch gefälligst, nicht wahr?
Lena flüstert: 
»Ach guck mal da, der alte Aschenbecher aus grüner Jade, den hatten wir Onkel Hans vor 20 Jahren mal geschenkt.«
Nun fand er wieder den Weg zurück. Dabei rauche ich seit 25 Jahren nicht mehr, das kann ich aber Tante Elise nicht sagen, sie wäre tödlich beleidigt.
Oma erzählt seit 30 Jahren dieselbe Geschichte aus ihrer Kindheit, wie sie dem Schneemann die Möhre aus dem Gesicht geklaut hatte. Alles lacht pflichtgemäß.
Hansi beklagt sich, weil die Rollerblades von ALDI sind, da kann er bei seinen Schulfreunden nicht punkten.
Annette hat sich einen echten Webrahmen gewünscht und keinen kleinen
Schulwebrahmen, »der ist ja ätzend!«

Weihnachten. Zeit der Freude. Wir wollten doch alle fröhlich sein. Reden, singen, spielen. Alle hatten auch die besten Absichten.
Nach der zweiten Strophe von »O du fröhliche ...« singt schon kaum einer mit, nur Oma kennt noch alle drei Strophen.
Dafür weiß sie aber auch nichts von »Rudolph, dem Red-Nosed-Reindeer«.
Und so reden und singen sie alle aneinander vorbei.

Große Erwartungen?Ich jedenfalls will aufhören mit den großen Erwartungen, ich möchte mich freuen auf ein paar Tage, an denen wir zurückdenken an den bescheidenen Anfang in einer Höhle oder einem armseligen Stall in den Bergen Galiläas. Ich möchte mich freuen auf einen Neuanfang, und sei er noch so winzig, ganz bescheiden und demütig.


©by Wildgooseman

14. November 2016

You don't speak "denglish"?

Früher dachte ich oft, ich müsste mehrere Fremdsprachen lernen. Das wäre doch toll, man kommt sich selbst so gelehrt vor. Gelehrsamkeit ist doch auch etwas anstrebenswertes. Alle meine Kinder und Enkel können mehrere Fremdsprachen. Nur ich nicht.
Also dachte ich, ich müsste lernen, lernen und nochmals lernen.
Aber über »Io sono d´alla Germania« und »il conto, per favore« bin ich in Verona nicht hinausgekommen.

Wenn ich dann in Paris alles mit »très bien« beantworte und mir das Bitten mit »S'il vous plaît« auch leicht gemacht wird, hört bei mir die Fremdsprache schon auf.
Muss ich mehr können?
Ich spreche doch deutsch! Ja - zugegeben, das ist gar nicht so einfach. Heute, wo bei uns jeder »DENGLISH« spricht, kommt man sich ganz komisch vor, wenn man DEUTSCH redet.
Aber ich spreche nun mal deutsch. Und vielleicht auch besser als mancher Deutsche. Es gibt ja leider Deutsche, die von Ausländern, die Deutsche werden wollen, eine Sprachprüfung verlangen, bei der sie selber unweigerlich durchfallen würden. So können sie durchaus froh sein, dass sie in Deutschland geboren sind(!) und damit ihr Recht Deutscher zu sein so erworben haben!



Wir sollten es den Engländern abgucken:
Die machen es nämlich genau anders! Fremdsprachen lernen ist für die meisten unter ihnen völlig unter ihrer Würde. Schließlich sind sie ja eine Großmacht mit ihrem früheren riesigen Commonwealth-Verband. Ihre Sprache ist ja die beherrschende Sprache auf der Welt. Alle sind Untergebene in ihren Augen, die nur ihrer Königin zu dienen haben.
Ich kenne einige Partnerschaften mit Engländern, wo sich kaum einer von ihnen bemüht, die Sprache ihrer Partner wenigstens etwas zu sprechen. Ihre "Partner" haben gefälligst Englisch zu lernen, wenn sie mit ihnen Kontakte pflegen wollen.



Siehst du, und deshalb spreche ich deutsch. 

Ja, ja, ich weiss, manchmal kommt man ohne die übernommenen Wörter aus anderen Sprachen einfach nicht aus. Weil man dann halt nicht verstanden wird. Wenn mein Friseur plötzlich »Haircutter« heisst, und mich fragt jemand nach solch einem - dann kann ich ihm keine Antwort geben, auch wenn ich direkt davor stehe!

Sprachen verändern sich ständig, schon seit Hunderten von Jahren ist das so. Kaum ein Engländer beispielsweise versteht heute noch das »English«, das einst Shakespeare sprach oder schrieb.
Oder anders herum: Wenn ich in meiner Kindheit zu meiner Mutter gesagt hätte: 

»Pah, du siehst ja geil aus!« Was glaubst du, wäre da wohl passiert?

Alles ist im Fluss. Nicht immer zum Vorteil der Sprache. Aber das muss es auch nicht. Trotzdem sehe ich es als vorteilhaft an, wenn ich nicht die Sprache der jugendlichen Mitmenschen von heute ausnahmslos übernehme.

Die deutsche Sprache wird schon seit Langem von einer Unzahl unnötiger und unschöner englischer Ausdrücke überflutet.
Die Werbung bietet Coffee to go oder Joghurt mit weekend feeling. Im Fernsehen gibt es History, Adventure oder History Specials.
Wir schmieren uns Anti-ageing-Creme und After-shave ins Gesicht oder sprühen styling ins Haar.
Bei der Bahn gibt es nur noch tickets, und den service point
und so geht es weiter durch all unsere Interessen
Manche Leute finden das cool.
Andere - die Mehrheit der Menschen in Deutschland - ärgern sich über die überflüssigen englischen Brocken und sehen darin eine verächtliche Behandlung der deutschen Sprache.
Es ist in der Tat albern - und würdelos! -, Wörter wie "Leibwächter", "Karte", "Fahrrad", "Nachrichten" oder "Weihnachten" durch bodyguard, card, bike, news oder X-mas zu ersetzen.
Kinder heissen doch bei uns noch Kinder und es sind keine »Kiddys«!
Aber es würde den Rahmen dieses Themas sprengen, hier noch mehr dazu zu schreiben.
Ich jedenfalls werde mich mit dem Denglish niemals anfreunden. Mir reicht das einfache Deutsch meiner Tage. Damit habe ich mich noch immer verständigen können.
Wem das nicht reicht, der darf gern denglisieren ..