21. März 2017

Reigen der Liebe


In der Mitte der Nacht
Erwachen die Sinne,
Gedanken spielen den
Reigen der Liebe.
Was auf der Welt
Ist so schön wie der
Gleichklang der Seelen,
Wenn die Körper
Verschmelzen zur Einheit


©by wildgooseman

Traumbilder

Ich denke zurück an mein achtzehntes Lebensjahr,  Anno 1952, als ich noch an das Schöne in der Welt glaubte. Als ein junges Herz danach strebte, in die Welt zu fliegen. Was fühlte ich damals? 
Graugelbe Quadern, von der Sonne des Tages aufgeheizt. Granitblöcke, die sich langsam wieder für die Nacht vorbereiten. Hoch oben, über den dunklen Wassern des Hafens von Marseille, furchterregend in der ganzen blauschwarzen Schönheit des Abends, ragen die zyklopischen Befestigungen des Forts »Saint Nicolas« in den Nachthimmel empor.

Vor mir die massigen Quadern der uralten Mauern. Es ist, als ob diese zahllose Menschenalter lang nur auf mich gewartet haben, auf mich ganz allein. Und dennoch geben sie keinen einzigen Laut von sich. Oder doch? Ist es mir nicht möglich, diese leisen Stimmen zu hören, dieses Wispern mit dem Ohr aufzunehmen und dann in eine verständliche Sprache zu interpretieren? 
Ich streichle die Poren dieser seit Jahrhunderten blankgewetzten Steine, die schon so unzählige Menschenschicksale gesehen haben. 
Aus der Ferne tönt eine heimliche Stimme in den Abend zu mir hinauf auf die alten Mauern des Forts Saint Nicolas :»Träumst du, mein Freund?”
Ich schaue über das Meer in die Ferne, vorbei an der Steilküste der Einfahrt zum alten Fischereihafen. Draußen, im Dunkelblau des Horizonts fast nicht mehr zu sehen, liegt das »Chateau d’If«, dieses sagenhafte Gefängnis des Grafen von Monte Christo. Mein Blick schweift weiter über die fernen Hügel. 

Hoch oben, hell angestrahlt, grüßt in nebligem Glanz »Notre Dame de la Gardez«, die alte Wallfahrtskirche dieser Region, ein wunderschöner Anblick. Abgesetzt davon das Lichtermeer des Fischerhafens. Wie Perlenketten aufgereiht auf einer Schnur: Rot, Grün, Blau, Orange und Gelb, alle Schattierungen der Regenbogenfarben treffen sich hier zum Rendezvous, Kaskaden von Lichtern spiegeln sich auf dem schattenhaften Wasser, verdoppeln sich in einem unbeschreiblich schönen Schauspiel. 
Ein leises Tuckern aus der Tiefe tönt zu mir herauf, ein altersschwacher Motor hat Mühe, das kleine Fischerboot anzutreiben, es hinauszuschicken in die abendliche Weite des Meeres.
Ich beuge mich über die steinerne Brüstung der Mauer, versuche einen Blick zu erhaschen. Vergebliche Mühe, lediglich eine rote Positionslaterne ist gleich einem Glühwürmchen erkennbar. Zu hoch liegt das alte Fort über dem Wasserspiegel, um Einzelheiten feststellen zu können. Lediglich laute Stimmen und Gelächter sind hörbar, ohne dass etwas verständlich wäre. Langsam entfernt sich das Fischerboot aus dem Bereich des inneren Hafens. 

Schweigen breitet sich aus, schwebt über den buntgesprenkelten Wassern des Hafens, wird zwischendurch unterbrochen von zerhackten Synkopen vielfältiger Tanzmusik, die aus den alten Hafenbars aus der Ferne herüberklingt.
Die Luft riecht nach Teer und Salz und Meer, ein unbestimmbares Konglomerat von Gerüchen, die nur ein Hafen hervorbringen kann. 
Dieses Odeur, das aus den Tiefen der Seele hinaufzusteigen scheint, vermischt sich zu einem unbeschreiblichen Potpourri aus Sehnsucht, Dankbarkeit und Verlangen nach Einheit mit dem Universum.

Aus Fernweh geboren, in endlose Wunschträume verwoben und dann zur Wirklichkeit geworden, welches Gefühl könnte diesen Sinneseindruck noch übertreffen?
Es ist eine Empfindung, die ich danach nie wieder  erlebt habe, eine Impression des »Seins« von unerreichtem Glücksgefühl! Ich erinnere mich liebend gern an diese Eindrücke, sie sind mir gegenwärtig, als wäre es gestern erst gewesen. 
Und ich weiß: Diese Momente bleiben mir für die Zukunft unvergesslich, sie begleiten mein weiteres Leben und alles, was danach geschehen ist und wird, kann nur an diesem Maßstab des Schönen gemessen werden. 
Natürlich, noch unzählige wunderschöne Momente habe ich in meinem Leben erlebt, das ist unbestritten. Ich habe in einem dreiviertel Jahrhundert gelebt, geliebt, gelacht und geweint. Freud und Leid, Küsse und Tränen wohnten oft dicht beieinander. 
An diese wundervollen Stunden hoch über dem Hafen von Marseille, in den Mauern dieses alten Forts,  denke ich heute noch immer zurück. 
Als ich mit der Unendlichkeit verwoben war, erkannte ich die Größe, die Schönheit und die Liebe des Gottes, dessen Geschöpf ich bin und der mir bis heute die Treue gehalten hat! Das und nur das ganz allein ist die Quintessenz meines Lebens. Ohne diese Einsicht müsste ich sagen: Es war ein vergebliches Leben. So aber gehöre ich mit hinein in die Natur, in die Schöpfung, deren unendliche Größe ich heute anerkenne.
Dafür bin ich dankbar. 
Und noch eines ist wichtig: Meine Träume, die ich bis zum  heutigen Tage weiter vergegenwärtige,  sind unbezahlbar ...

©by wildgooseman

7. März 2017

Vor dem Tor


Mit einem dumpf hallenden Ton fällt das Tor plötzlich und unerwartet zu! Ein weithin durch die Nacht durchdringender Ton. Der Schlüssel wird im Schloss herumgedreht, einmal, zweimal, dann das Rasseln einer Kette.
Er steht draußen. Vor dem Tor. Noch vor Kurzem, ja eben noch, gehörte er dazu. Und nun, Sekundenbruchteile später ist das alles vorbei. Er kann es nicht fassen, mit tränenden Augen starrt er auf das schwere Tor, das sich hinter ihm schloss.
Verzweifelt hämmert er mit seinen Fäusten gegen das harte Holz. Der Schmerz zwingt ihn aufzuhören. In ihm breitet sich eine Leere aus, die eine ohnmächtige Wut nach sich zieht.

Gestern hat er noch gelacht, mit den Anderen gescherzt, dumme Sprüche vom Stapel gelassen, fröhlich in die Welt geschaut. Die Sorgen? Die betrafen ihn doch nicht. Das war dort draußen, das war vor der Tür. Hörte er das Weinen, das leise Wimmern nicht, das laute Klagen dort draußen vor der Tür? Doch. Sicherlich. Er hörte es. Aber warum sollte er sich darum kümmern, was konnte er da schon tun?
Er schlägt noch einige Male an das schwer bewehrte Holz. Vergebens, niemand hört es; sollte es doch jemand hören, nimmt er keine Notiz davon, warum auch.
Das ist nun wirklich kein Scherz mehr, kein beschwingtes Lachen klingt durch die weiten Räume dort drinnen. Jedenfalls hört er nichts. Er steht außerhalb von all dem, was ihm bisher das Leben lebenswert machte. Schemenhaftes Ahnen gibt ihm ein Gefühl von Unsicherheit, Angst vor etwas Unbestimmten macht sich breit.

Dann irgendwo ein hohles Lachen, Geräusche aus einer anderen Welt. Stimmen, unverständliche Töne erfüllen die Nacht. Graue, diffuse Gestalten auf leisen Sohlen bedrängen ihn mit einem Netz aus wirren Gedanken. Seine Gedanken, fremde Gedanken? Gedankenwelten mit genau dem gleichen Muster und denselben Interferenzen?
Ratlosigkeit macht sich bei ihm breit. Er schreit, schreit in das schemenhafte Etwas hinein, das ihn mit Daseinslosigkeit bestraft.
Er ist doch hier, hört das niemand, sieht ihn keiner? Er steht hier vor dem Tor und begehrt Einlass! Er möchte dazugehören, zur Freude, zur Helligkeit, zum inneren Kreis der Daseinsberechtigten. Doch es ist dunkel und es ist totenstill.

Plötzlich ein hallender Ton einer scheinbar riesenhaften Glocke, die Dunkelheit der Nacht wird mit einem zweigestrichenen ‚e‘ gefüllt. Ein Zeichen für ihn? Ein finales Signal?


Er versucht ständig, sich zu erinnern. Das ist ein Manko bei ihm. Wenn die Erinnerung sich breitmacht, verdrängt sie die Realität. Er weiss, dass er dann nicht mehr er selbst ist .
Er ist dann nur noch der, der er einmal war. Vielleicht auch der, der er sein möchte?

Wenn die Wirklichkeit es nicht wert ist, wirklich zu sein, dann versinkt sie nur noch im grauen Schatten des Nichts! Was macht er, wenn nichts mehr da ist, woran er sich halten kann, wenn alles, was früher richtig war, auf einmal falsch ist? Wenn alles, was er gestern, vorgestern, letztes Jahr gesagt und getan hat, ein Irrtum gewesen ist – welch eine grausame Erkenntnis tut sich da auf!

Etwas ist geschehen. Etwas muss mit ihm geschehen sein. Er steht plötzlich jenseits aller Türen. Weiß er denn, ob das, was er heute sagt, tut oder unterlässt, nicht morgen schon falsch und überholt ist?
Sein "Alter Ego" will nicht zulassen, dass er das Farbenspiel der Vergangenheit noch einmal ablaufen lässt, dieses ICH wehrt sich gegen die Wiederholung des Lebensablaufs.

Die Glocke ist nun verklungen. Alles nimmt seinen Lauf, unablässig weiter und weiter. Zeit hat keinen eingebauten Rückwärtsgang!
Pantha Rhei«, das wussten schon die alten Griechen, alles fließt. Jeder Moment im Leben ist eine Veränderung des Bestehenden.
Gestern stand er auf der anderen Seite des Tores. Gestern war er ein anderer als er heute ist. Er ist noch derselbe Mensch, aber er ist nicht mehr der gleiche Geist! Gestern gehörte er dazu. Heute aussortiert, ein Mensch, der sich nicht mehr verbiegen lässt. Schwer zu begreifen. Wirklich nicht zu verstehen? Wenn er nicht mehr weiss, wer er ist, versinkt die Realität im Nebel des Gewesenen!

Kann ja sein, er hat vergessen, mit den Wölfen zu heulen. Manches rächt sich eben doch im Ablauf der Zeit ...

 ©by Wildgooseman
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6. März 2017

Zwischen Gestern und Heute


Ich verstehe eigentlich nichts mehr von dem, was ich früher tat. Es ist aber auch möglich, dass ich nicht mehr weiss, wie ich seinerzeit dachte und warum ich so und nicht anders reagierte. Weil ich heute anders denke und auch fühle, ist mir all das fremd geworden, für das ich früher gekämpft habe.
Ist das nun ein Widerspruch? Ich glaube nicht. Denn wenn ich auch nicht mehr die gleiche Empfindung habe, bin ich dennoch für mein damaliges Denken und Handeln verantwortlich. Stehe ich deshalb in meiner eigenen Schuld?
Damals war es für mich richtig. Wenn Fehler gemacht wurden, wurde früher oder später die Vergeltung dafür im eigenen Lebensablauf spürbar. Ist es nun möglich, den gleichen Fehler zweimal zu machen? Ich sage: nein! Wenn es das zweite Mal geschieht, ist es die eigene Wahl! Mit dieser zweiten Wahl allerdings gibt man dann jedoch selbst zu, nichts daraus gelernt zu haben.
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Nun gibt es aber auch Fehler im Leben, die von aussen verursacht werden, die man nicht verhindern kann, auch wenn man sie erkannt hat. Solche Zwänge können ein Leben aus dem Gleichgewicht bringen, lassen es Wege einschlagen, die völlig an der Normalität vorübergehen. Wenn man dabei von »Höherer Gewalt« spricht, ist dies doch nur ein Bruchteil der Ursachen. Auch dieser Begriff zeigt die Unzulänglichkeit des Menschen, gewisse Schwierigkeiten einfach in den Griff zu bekommen.
Solche Probleme beeinflussen häufig das Erleben und Leben zweier Menschen, die als Paar zusammen sind. Paarbildung des Menschen hat ja zum überwiegenden Teil mit Liebe und Sexualität zu tun.
Die Liebe spielt hierbei eine überragende Rolle, da sie die Triebkraft zum Zusammenleben zweier Menschen darstellt. Ohne die Liebe wären wir Menschen auf der Schwelle zum Menschsein stehen geblieben. Das Gefühl, zusammenzugehören allein würde nicht ausreichen, den Bestand der Menschheit zu gewähren.
Ich liebe dich! Welch eine Gewalt steckt darin, welch ein Gefühl erschliesst sich bei diesen Worten, vieltausendfach bedichtet und besungen und immer wieder neu erfunden.
Da kommen wir unausbleiblich zu der Frage: Was ist wichtiger, lieben oder geliebt zu werden?
Meine Antwort darauf: Was ist wichtiger für einen Vogel, der rechte oder der linke Flügel?
Beides gehört zusammen wie der Himmel zur Erde, wie Feuer und Wasser, wie Leben und Tod! Wie ICH und DU.Vor Kurzem las ich diese Sätze eines französischen Poeten:
»Manchmal sehe ich dich und ich sehe nichts! Ein anderes Mal sehe ich in mich selbst hinein und was sehe ich? Dich.«

Gibt es etwas Bedeutsameres als diese Aussage? Da dürfen dann auch ruhig Fehler auftreten, wenn ein Paar zusammenhält, wird ein jeder dieser Fehler aus dem Weg geräumt werden können, solange er nicht an die Wurzeln des Zusammenlebens heranreicht.
Liebe kann im Grunde niemand verletzen, denn jeder von uns ist selbst verantwortlich für das, was er fühlt und was er tut. Wie könnte ich einem Anderen die Schuld geben, wenn meine Partnerschaft nicht gelingt? Da ist schnell ein Schuldspruch zur Hand, nicht wahr?
Wie oft hörte ich die Aussprüche: »... dann ist er in meine Ehe eingebrochen.« Oder auch: »... ich habe ihn an sie verloren.«
Ich bin überzeugt, dass niemals jemand einen Anderen verlieren kann, weil niemals jemand einen Anderen besitzt!
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Früher als ich jung war, glaubte ich, dass ich durch mein Tun mein ganzes Leben verändern könne. Alle Dinge hatten ihren Sinn dadurch, dass ich ihnen den Sinn gab. Das machte mir Mut, das gab mir Kraft, um alle Schwierigkeiten zu bewältigen. So konnte ich stets den Kopf hochtragen, konnte immer frei atmen. Alles in meinem Leben war nach meiner Ansicht in Ordnung.
Heute nach vielen Jahrzehnten habe ich in meinem Herzen die Gewissheit, dass dieses Denken falsch war. Ich kann mein Leben nicht verändern; ich kann ihm wohl eine neue Richtung geben, gewiss. Aber nur die Zeit ganz allein kann mein Leben verändern!
Und weisst du was, liebe Leserin, lieber Leser? 
Ich liebe diesen Gedanken. Weil er mir die Schuld nimmt an Abläufen, die ich vielleicht hätte beeinflussen können. Gut, dass ich nicht weiss, was durch mein Zögern oder durch unüberlegtes Handeln alles geschehen ist!

Ich verstehe heute manches nicht mehr, was ich früher tat, das sagte ich im Eingang schon. Gutes und Schlechtes, Erfolge und Fehler halten sich eben im Menschenleben stets die Waage. Und nebenbei habe ich auch gelernt: Man liebt nicht nur einmal! Aber ich weiss mit Gewissheit: Die wahre Erfahrung meiner Freiheit ist: Lieben heisst auch, etwas zu haben, ohne es zu besitzen!

©by Wildgooseman

3. März 2017

Sie sind fort ...

Greta hält den Atem an, als die Straße nach dem letzten Waldstück den Blick auf das Forsthaus freigibt. Eine Menge von Erinnerungen stürzt auf sie ein, Kindheitsträume materialisieren sich hinter halb geschlossenen Augen.Das alte Forsthaus liegt auf der Waldlichtung im hellen Sonnenschein, viele kleine Schattenspielereien der hohen Buchen zaubern ständig wechselnde Silhouetten auf die alten Mauern.
Die strahlende Sonne zeigt aber auch erbarmungslos all das auf, was in den letzten Jahren dem Niedergang ausgesetzt war, der Zerfall  liess sich nun mal nicht leugnen.
Die Mauern und Teile des Daches von Efeu übervoll bedeckt, das rostige Gartentor mit Hunderten Rosen überwuchert und mit dem Dornengestrüpp von Brombeeren fast zugewachsen. Dahinter die aus den Angeln gehobene Haustür, weit offen stehend, wie zum Empfang hergerichtet.
Der heiße Sommerwind weht durch die Räume, beim Betreten dieses alten Hauses spürt sie diesen modrigen Geruch, der Staub von Jahrzehnten wirbelt durch die hohen Räume wie Schwärme von Mücken im Sonnenlicht. Dieses alte Försterhaus war einst aufgegeben worden, als die Planstelle des Försters nicht mehr neu besetzt wurde.
Zerbrochene Fensterläden mit abgeblätterten Farbresten, grau, ramponiert und voller Geruch nach alten Zeiten. Sie klappern schon beim leisesten Windhauch. Mannshohes Kraut bedeckt weite Teile des Gartens, dazwischen größere Flächen mit wilden Margeriten. Es ist einfach ein trostloser Anblick!
Reglos steht die Frau in der Eingangstür, lässt diesen Anblick auf sich wirken, vergleicht sie dann mit den Bildern, die sie lange Jahre in ihrem Kopf bewahrt hat.

Traurigkeit erfasst sie. Auf der Türschwelle sitzend, denkt sie über all das nach, das sie hier in Kinder- und Jugendjahren erlebt hatte. Es ist ihr unbegreiflich. Niemand ist mehr hier, alle sind fort. So einfach weggezogen, ihre Familie hat die eigene Vergangenheit  hinter sich gelassen. Der alte Briefkasten dort neben der Tür ist ein Relikt aus alter Zeit, einstmals war er schwarz lackiert und hatte die ersten Liebesbriefe ihres Freundes in sich aufbewahrt. Nun war der Briefkasten unansehlich und rostig. Fast wie ein alter Mensch, mit Lebensspuren und Beulen!
Greta versucht, das Türchen des Briefkastens zu öffnen. Sie ist überrascht, wie leicht das geht. Drin liegt ein Briefumschlag, braun, vergilbt, mit einem Namen darauf in verblichener Handschrift: Für Grit!


Ihr Herz machte einen gewaltigen Sprung in die Vergangenheit, sie spürt förmlich die Worte ihrer Mutter körperlich, als sie diesen Umschlag öffnet und dann den kurzen Brief liest.
Das Datum auf dem Bogen ist schon achtzehn Jahre alt!
Meine liebe kleine Grit,
Vielleicht kommt doch noch mal die Zeit, dass du diese Worte liest. Du bist gegangen, wir konnten dich nicht halten. Dieses Haus war immer zu klein für Dich. Dich lockte die weite Welt.
Bist Du nun ein Star geworden? Wir haben niemals wieder etwas von Dir gehört.
Ja, liebe Grit, wir können hier im Forsthaus nicht mehr wohnen bleiben, wir müssen heute umziehen. Eine kleine Wohnung für uns beide reicht nun aus. Dein Bruder ist ja auch nicht mehr da, er lebt jetzt in Australien.
Wir konnten Dich ja leider nicht erreichen; Du hast uns keine Adresse geschickt. Ob wir noch leben, wenn Du mal wieder kommst, wissen wir nicht. Alles, alles Gute wünschen wir Dir, mein Kind!
Deine Mutter und Dein Vate
r

Greta hält diesen alten Brief krampfhaft in der Hand. Ihre Schultern zucken, sie lässt ihren Tränen freien Lauf. Sie kommt sich so erbärmlich vor,  sieht förmlich das Gesicht ihrer Mutter vor sich, diese abgearbeiteten Hände, die zerfurchten Gesichtszüge.
Und dann die Gestalt ihres Vaters, wie er morgens seine Büchse umhängte, mit zwei Pfiffen Bertha, die Münsterländer Hündin zu sich rief. Er drehte sich immer noch einmal um und winkte den Zurückbleibenden lächelnd zu, bevor er dann im Wald verschwand.
~~~
Greta hat noch immer die Zeilen der Mutter in der Hand, als sie noch einmal durch das Haus geht. Sie versucht, die Gerüche ihrer Kindheit wiederzufinden, das Odeur, dass hier einmal zu Hause war, als Greta hier noch als Kind lebte. -
Vergeblich! Hier riecht es nach Einsamkeit und Flucht. Die Dielenböden sind durch Feuchtigkeit aufgequollen. Vom Treppenabsatz aus kann die Frau durch das Obergeschoss und zwischen herabgefallenen Dachziegeln bis in die Wolken schauen.
Abgerissene Tapeten, einige uralte Möbelstücke, ein alter Teppich, von Mäusen angenagt, zeugen davon, dass hier alles sich selbst überlassen worden war. Dort auf einem Stuhl noch ein halb zerfledderter Roman, vergilbt und von den Jahren zerfressen. Sie versucht neugierig, den Titel zu erkennen: Die Flusspiraten vom Mississippi, von Friedrich Gerstäcker.
Ein Buch, dass einst ihrem Bruder Jens gehörte. Greta kommt wieder ins Grübeln. Sie hat schon über drei Jahrzehnte nichts mehr von ihm gehört, weiss nur, dass er seinerzeit nach Tasmanien ausgewandert ist.
Siebenunddreissig Jahre, eine unendlich lange Zeit. Eine Zeit, in der sie berühmt geworden war, in der sie als Star der Musikszene der Liebling aller Teenies wurde.
Eine Zeit, in der die Eltern in ihren Gedanken nicht mehr vorkamen. Eine Zeit, die zwei Ehen mit sich brachte und auch zwei Scheidungen.
»Unstet und flüchtig sollst du sein auf Erden!«
Wo hatte sie das nur gelesen? Ach ja, irgendwo im Alten Testament der Bibel steht das wohl, denkt sie mit einem kurzen Auflachen.
Als sie damals nach einer Auseinandersetzung alles hinter sich ließ, hatte sie alle Bedenken des Vaters mit einem Achselzucken weggewischt.
»Ich brauche euch nicht, ich gehe meinen Weg. Und wenn ihr mir den nicht gönnt, dann geht es eben auch ohne euch!«
Es war ohne sie gegangen. Aber welche Mühen, Anstrengungen und Schmerzen hatte es gekostet! Gewiss, so manches Mal hatte Greta mit dem Gedanken gespielt, sich bei den Eltern zu melden. Aber ihr elender falscher Stolz hatte es nicht zugelassen. Und so war es stets beim Vorsatz geblieben.
Und heute, fast vier Jahrzehnte später? Sie hatte beim Einwohnermeldeamt erfahren, dass beide nicht mehr leben. Vater starb vor zehn Jahren, Mutter lebte bis vor drei Jahren in einem Altenheim in Neustadt.
Der große Star Greta war längst kein Star mehr, der Niedergang ihrer Karriere fing in dem Moment an, als ihre Auftritte nur noch bei Supermarkt-Eröffnungen gefragt waren oder mit irgendwelchen Bäderreisen unter »ferner liefen« im Nebenprogramm erfolgten.
Sie lacht voller Bitterkeit auf.
Vater meinte damals: »Das ist eine Kunst, die nur solange gefragt ist, wie du jung und knackig bist.
Und morgen, Grit? Was ist morgen?«

Sie hatte abgewunken. 
»Na und? Was heisst schon morgen. Ich kann etwas, und das zählt!«
»Was kannst du denn schon wirklich?«
hatte ihr Vater gesagt und Mutter hatte nur ihren Kopf geschüttelt.
Gretas Karriere in den Staaten brachte zwar eine Menge Geld ein. Glücklich aber war sie nicht einen einzigen Tag gewesen  und die Dollar waren schneller wieder fort, als sie verdient wurden.
~~~
Ein paar  Tränen fallen in den Staub des alten Hauses. Es gibt kein Heim mehr,  keine Menschen, die zu ihr gehören. Es gibt nur noch eine alternde Künstlerin, die liebend gern wieder zurückkehren würde in das Nest ihrer Kindheit.
Dort im alten Haus auf der Waldlichtung hatte einmal das Glück gewohnt. Es war wohl auch ausgewandert, mit unbekanntem Ziel.
Nun ist alles leer, das Haus, ihr Herz, ihr Leben ...
©by Wildgooseman

19. Februar 2017

Scribe scribere vel - quod quaestio



Schreiben ist ja im Grunde genommen keine schwierige Sache. Nee, wirklich, daran hapert es ja nicht. Das kann der Mensch oder er kann es nicht. Punkt.
Wenn ein Mensch es nicht kann, ist es auch kein Thema, vielleicht ist es sogar besser, er muss sich dann keine weiteren Gedanken über den Textablauf machen. Die Freiheit lacht dann sozusagen vom weissen Papier!
Glaube ich nun aber, dass ich schreiben könnte, - d
ie meisten der »Autoren« glauben es natürlich, - dann beginnt erst einmal das Problem, sein Autoren-Gesicht zu zeigen. Schön ist es natürlich, wenn das Hauptthema schon vorhanden ist, dann muss es nur noch in die richtige Abfolge gebracht werden.
Was aber nun, wenn ich nicht weiss, worüber ich überhaupt etwas schreiben soll? Da taucht nun zunächst einmal die Frage auf: Muss ich überhaupt schreiben? Was treibt mich denn dazu?
Gut, so lange es nicht ausgedruckt wird, entsteht ja noch kein Schaden.
Na ja, vielleicht entsteht da solch eine winzige Spur einer transzendentalen Energie? Kann doch sein. Gut, ich frage ja nur!

Warum mache ich das, ist es für das Universum wichtig? Lacht der Kontinent oder erbebt die Welt in all ihren Bestandteilen? Wundert sich der Staat über mein Statement, ärgert sich die Gemeinde?
Oder kann es sein, dass meine Nachbarschaft erbebt? Nee, das glaube ich kaum.
Ich würde die Antwort auf diese Frage auch nicht geben, selbst wenn ich sie wüsste. Vielleicht schreibe ich ja aus Rache an der derzeitigen Regierung? Vielleicht aber nur aus Spaß oder um meine philanthropischen Gelüste zu stillen?

Im Grunde ist es ja auch nicht mein Problem. Wenn ich etwas schreibe, gibt es nur wenige Menschen, die ganz sachte gezwungen werden könnten, sich mit meinen Schreibereien auseinanderzusetzen und mir dann sogar noch ihre sanften Kritiken unterzujubeln! Aber natürlich so vorsichtig, dass ich nicht noch eine Enttäuschungsspur im Universum zurücklassen müsste.

Also allein mit der Frage nach dem ungewissen »Warum« ließe sich doch schon eine einzige Seite füllen, ohne dass auch nur der Hauch einer Antwort zu ahnen wäre. Das macht doch schon einen ungeheuren Spaß oder etwas nicht? Ihr könnt mir glauben, es ist eine ungeheure Provokation, wenn dieses leere weiße Papier da vor mir liegt und mich so höhnisch anblinzelt! Wie soll man da einen konstruktiven weltverbessernden Gedanken fassen? Das ist schier unmöglich.
Ja, natürlich, ich kann nun einen farbigen Bogen Papier nehmen; ich hätte dann dem weissen Gegenüber den Wind aus den Segeln genommen.
Aber nein! Hah! Ich stelle mich diesem Konflikt. Wäre doch gelacht, wenn ich da nicht die Oberhand behielte.

Man sieht es ja auch: Es kommt etwas dabei heraus, weil Farbe allein nämlich gar nichts über das geistig Verbrochene aussagt. Seien wir doch mal ehrlich mit uns selbst, allein das Wollen ist nicht unbedingt das Nonplusultra des Schreibens, man muss wirklich ein wenig gedankliches Gewürz dazutun.

Nee, du irrst, ich hab es nicht vergessen: Auch die Orthografie hat noch ihren Stellenwert, wenn wir es nicht schon wussten, hält die PISA-Studie es uns jährlich vor Augen. Es ist schon grausam, den Menschen in einem kulturell hochstehenden Land immer wieder ihre Unzulänglichkeiten vorzuführen, ich fühle mich dann immer so minderwertig.
Wenn ich dann meinen inneren Schweinhund überwunden habe, versuche ich also zu schreiben!
Lach bitte nicht! Ich fasse mich ja immer 
kurz, zu längeren Ergüssen reicht mein Gedankengut nicht, deshalb bleibe ich auch bei Kurzgeschichten! Ich falle sonst immer zurück in meine als Kind mühsam erlernte Rechtschreibmethode à la Sütterlin. Und die strotzt dann ja wohl in der modernen Zeit vor Fehlern.
Das macht nichts, meinst Du?
Irrtum! Wenn Du mal durch Foren und Chats Deine Streifzüge machst, wirst Du merken, dass Du mit Deiner Rechtschreibung völlig daneben liegst! Da siehst Du vor Kürzeln und Anglizismen überhaupt nicht mehr, in welcher Sprache eigentlich geschrieben wird!
Entschuldigung, ich bin zu weit abgeschweift. (Mein Nachbar würde sagen: abgeschwiffen) 
Wie geht es weiter?

Also ich war bei den Kurzgeschichten. Und da, Du wirst es kaum glauben, taucht schon die nächste Frage auf: was ist denn kurz? Was ist denn bei einer Kurzgeschichte kurz genug?? Wo fängt kurz an, vielleicht bei einer Miniaturlänge, wo hört kurz auf? Vielleicht niemals, wie bei der Relativitätstheorie?
Ja und dann, 
was ist eine Geschichte?
Also Geschichte hat mich früher immer sehr interessiert, aber die war ja auch nicht kurz, sie war stets solch ein kaleidoskopartiges bluttriefendes Monster, das die Sieger stets für sich entschieden.

Nein, das ist ja auch keine Kurzgeschichte, wenn unsere Neolithikum-Vorfahren schon auf ihre Steinplatten mit Hammer und Feuerstein Kurzgeschichten geschrieben hätten, könnten wir heute lesen, wie man einen Höhlenbären fängt oder ein Mammut jagt. Würde uns das heute helfen? Sicher nicht. Siehst Du, ebenso hilft es niemand, wenn er meine Schreibversuche lesen muss. Also? 
Wozu bzw. warum? Altpapier gibt es schon zur Genüge, das muss ich nicht noch erweitern. So viel bunt bedrucktes Hochglanzpapier gab es noch nie in der »Geschichte«! Also lasse ich dieses Problem eben Problem sein und wende mich meinem Privatvergnügen zu: Für mich selbst zu schreiben.

Wer sollte mich da aufhalten wollen? Vielleicht ein Festplattenabsturz ohne Back-up? Auch Humorverlust käme da infrage oder der Besuch meiner Erbtante, auch Alzheimer könnte da eine Rolle spielen.
Aber so weit ist es noch lange nicht. Und deshalb muss die Welt, muss mein Land und die Gemeinde (
auch die Nachbarn, die davon noch nichts wissen) damit leben, dass ich schreibe.
Ob sie es nun gut finden oder nicht, ich weiss es nicht, ist mir aber auch egal, völlig egal ...


© by Wildgooseman

17. Februar 2017

Zwei Welten?

Es war schon ungewöhnlich, dass sie in jener Stunde aufeinandertrafen. Wann war das schon jemals vorgekommen? Sicher hätte man in den Annalen sehr weit zurückblättern müssen, um hier eine Übereinstimmung zu finden. Aber nun, heute, gerade in diesem Augenblick war es überraschenderweise doch geschehen. Und es war dabei nicht ersichtlich, was zu diesem außergewöhnlichen Ereignis geführt hatte.
Keiner der Beiden hatte den Anderen je gesehen, jeder kannte ihn nur vom Hörensagen. Und dieses Wissen war nicht umfassend genug, um sich auch nur in den geringsten Teilen ihres Daseins kennen zulernen. Schließlich lebten sie in verschiedenen Bereichen ihrer Zeit. Dabei ist die Diskrepanz des eigenen Daseins doch die Gewissheit, dass niemand seine Haut so einfach ausziehen kann, wie die Metamorphose einer Raupe es bewerkstelligt.
Als er sie nun traf, konnte er nicht begreifen, wie so etwas Wunderschönes überhaupt existieren konnte. Mühevoll kramte er in den Tiefen seiner Erinnerung, versuchte dabei die Türen zu seinem Ich zu erweitern - vergeblich. Die Gedanken wanderten zurück zu den Zeiten seiner Kindheit. Konnte es sein, dass er damals schon einer ähnlichen Frau begegnet war, die ihn so beeindruckt hatte? Die Frage blieb im Raum stehen, scheinbar unlösbar und dennoch immer wieder von Neuem gestellt. 
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    »Ein interessanter Typ«, dachte sie, als ihr der Mann dort auf dem Kiesweg entgegenkam. Mit einigen kurzen Blicken betrachtete sie ihn, versuchte dabei, es nicht zu auffällig erscheinen zu lassen. Nicht jeder, und auf keinen Fall er selber, musste gleich erkennen, dass sie ihn mit einem Blick voller Staunen betrachtete.
Anderseits ließ sich diese Aufmerksamkeit nicht so einfach abschütteln wie Regentropfen von einem Schirm. So einen Mann sah man halt nicht jeden Tag, warum also sollte sie nicht intensiver hinschauen? War das schon ein Faux pas? »Sicher nicht«, sagte sie sich und sah sich diesen Mann nun doch intensiver an. 
»Genau mein Wunschkandidat, wenn ich wählen müsste«, dachte sie. »Mit ihm könnte ich schon mein Leben auf einen Nenner bringen. Aber wie soll das gehen?«
Er war nun auf Höhe ihrer Parkbank angelangt, seine intensiv blauen Augen sahen sie mit einer Wärme an, dass sie förmlich dahinschmolz. »Darf ich mich zu ihnen setzen?« fragte er dann leise mit einer Stimme, die wie ein Windhauch im Walde klang. »Ich bin nicht gern allein an solch einem schönen Tag.«
Sie nickte nur, die Worte blieben ihr fast im Hals stecken. Sie spürte, wie eine warme Woge über ihr Gesicht zog. Dann brachte sie es doch noch fertig zu flüstern: 
»Ja, gern!«
Der Mann bedankte sich; mit einer knappen Verbeugung stellte er sich dann vor.
Sie verstand seinen Namen nicht ganz, traute sich aber auch nicht nochmals nachzufragen. 
»Lenz«, sagte sie dann, »Ulrike Lenz«. Er lachte auf. 
»Das ist ja seltsam«, meinte er dann, »Der Herbst und der Lenz, welch ein wunderbares Zusammentreffen!«
Sie lächelte nun auch, Herbst hiess der symphatische Mann also, hatte sie doch richtig gehört.
Bald darauf waren beide in ein angeregtes Gespräch vertieft. Ihre Unterhaltung ähnelte nun doch schon fast einer Diskussion. Die Gedanken schweiften dabei in philosophischen Weiten, oft ohne Bezug zum realen Leben. Das Mitteilungsbedürfnis beider Menschen, die in solch unterschiedlicher Weise zusammengetroffen waren, schien unerschöpflich zu sein.
Obwohl der Gegenwartsbezug sich dabei manchmal nur erahnen liess, hatte das Gespräch trotzdem stets einen Zusammenhang mit dem Ablauf ihrer Zeit. Es war diese Zeit, die wahrscheinlich von keinem anderen Menschen erfahrbar war. Einer Zeit, die unabhängig von den vier Jahreszeiten ablief und dennoch ausgefüllt war mit Ereignissen. 
Die jugendliche Frau und der ältere Mann, die sich noch nie gesehen, nur voneinander gehört hatten, verstanden sich ohne Einschränkung. Es schien wie ein Mirakel zu sein, dieser Gleichklang der Seelen an einem so wunderschönen Tag. 
Sie schaute ihn von der Seite an. Ein heller Sonnenstrahl hatte zwischen den Blättern der großen Buche einen Weg auf sein leicht gebräuntes Gesicht gefunden, streifte über das Relief seiner Stirn und hinterliess dabei einen Ausdruck von Ferne und Zeitlosigkeit.
»Warum habe ich Sie noch nie getroffen«? Er fragte es leise, als er die Blicke der jungen Frau spürte. Sie merkte, dass er sie ansah, senkte schnell ihren Kopf, zuckte dann mit den Schultern. »Ich weiss es auch nicht,« entgegnete sie, »wahrscheinlich sind unsere Tage oder die Freizeiten zu unterschiedlich? Ich muss ehrlich sagen: Ich finde es auch schade!«
Bei diesen Worten errötete sie. Der Mann, der schließlich vom Alter her ihr Vater sein konnte, berührte mit einem Lächeln ihre Hand. 
»Das ist schön«, sagte er dann leise, kaum verständlich, »da sind wir schon zwei, die das gleiche Gefühl haben!« 
Ihre klaren Augen leuchteten. In ihnen konnte er lesen wie in einem offenen Buch und was er da las, gefiel ihm so sehr, dass er keinen Blick von ihr lassen konnte. 
»Wir sollten uns viel öfter sehen,« sagte er dann, »ich kann mir gar nicht vorstellen, wie ich ohne Sie gelebt habe!«
Sie lachte hell auf. »Sie Schmeichler, Sie haben doch lange gelebt, ohne mich zu kennen, oder?«
»Sicher«, sagte er daraufhin, »sehr, sehr lange. Gerade deswegen verstehe ich es ja nicht. Ich wusste immer, dass etwas fehlte, nur war mir nie klar, was es denn war. Und nun, seit ich Sie sah, - ja - es ist eben nicht begreiflich.«
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Die Sonne war weiter gewandert, der Abend kündigte sich an. Der kleine Teich drüben jenseits des Weges lag nun im Schatten der hohen Bäume. Einige Blesshühnchen bemühten sich, zwischen dem Blattwerk der Teichrosen Nahrung zu finden. Im Schatten erschienen ihre kleinen Blessen wie weiße Punkte auf dem Wasser. 
Die beiden Menschen auf der Bank schwiegen geraume Zeit. Dann sagte der Mann: 
»Müssen Sie nicht heim? Wartet man nicht auf Sie. Wenn Sie möchten, begleite ich Sie, gleich wird es dunkel und die Gegend scheint mir doch sehr unsicher zu sein.«
Erstaunt und doch ein wenig spöttisch meinte sie dann: 
»Hey, Sie trauen mir wohl gar nichts zu? Ich bin schon riesengroß! Ich kann mich auch wehren. Und dann - auf mich wartet schon lange niemand mehr! Ich lebe allein - und ich lebe gern allein. Mir fehlt nichts zu meinem Dasein. Da können Sie ganz beruhigt sein.«
»Entschuldigen Sie«, meinte er dann, »so war das doch nicht gemeint. Ich wollte doch nur behilflich sein. Ist das denn so schlimm? Sind Sie immer so argwöhnisch, ist Hilfe für Sie immer eine Art von Bevormundung?«
»Ich meinte Sie nicht persönlich. Ich bin es nur nicht gewohnt, bemuttert zu werden. Seit meinen frühesten Tagen bin ich selbständig, habe immer für mich selbst gesorgt. Und dabei,« sie lächelte, dabei waren ihre Grübchen in den Mundwinkeln sichtbar, »bin ich immer gut gefahren.«
Der Mann schaute in der einsetzenden Dunkelheit hinaus auf den kleinen See. »Ja«, sagte er dann nach einer kurzen Pause, »das Wörtchen ›immer‹ hört sich so einfach an. Ich kenne das ebenfalls aus meiner Jugend her.«
Er lächelte nun auch, dabei schien sein Blick in die Vergangenheit zurückzureichen. 
»Das ist das Vorrecht der jungen Generation: Ich weiss immer, was ich tue. Ich passe immer auf mich auf. Ich bin immer vorsichtig. Diese Aussagen haben stets nur die eine Beweiskraft: Ich bin Ich!«
Sie nickte mehrmals bestätigend. 
»Genau so ist es. Warum soll ich denn etwas tun, nur weil andere Menschen meinen, es wäre gut? Was im Mai hervorragend ist, kann doch im Oktober eine völlig andere Perspektive bieten. Denken Sie doch mal selbst, Herr Herbst: Was Sie in ihrer Jugend erlebten, hat heute keinerlei Bedeutung mehr. Die Zeit hat sich geändert, wir mit ihr!« 
»Natürlich.« Der Mann dachte bei diesen Worten an seine eigene Jugendzeit. 
»Ja, ich kann das schon nachvollziehen. Ich denke, dass ich früher genauso gedacht habe. Aber ich habe gelernt. Ich habe aus dem Leben gelernt, und diese Lehre war gewiss nicht immer schmerzlos!«
Sie spürte die Zwischentöne in seinen Bemerkungen, ohne ihn zu unterbrechen, hörte sie weiter aufmerksam zu.
»Sie sind noch jung, Ulrike. Es ist schön, wenn man dieses Leben mit seinen unzähligen Spielarten noch vor sich hat. Dazu braucht es auch keine rosarote Brille. Diese Einsicht ist ganz allein da, praktisch von selbst.
Meinen Sie, ich dachte damals anders? Alles, was mir nicht gefiel, klammerte ich einfach aus. Es betraf mich nicht und ich musste mich auch nicht darum kümmern.
Alles andere ringsherum schien mir richtig so, wie es war. Ich liess alle anderen Menschen für mich denken! Fast alle anderen machten es genau so und das - genau das - war eben falsch. 
Dann war plötzlich alles vorbei. Und die Quintessenz davon: Alles, woran wir glaubten, was wir Jungen als richtig empfunden hatten, war plötzlich falsch! Wissen Sie, was eine solche Kehrtwendung um 180 Grad für einen jungen Menschen bedeutet?«
Der Mann schwieg, die Erinnerung übermannte ihn mit voller Kraft. Die junge Frau nahm behutsam seine Hand, sagte nichts zu seinen Worten und so schwiegen sie.

Der Abend hatte sich inzwischen über die Parklandschaft gelegt. Die Laternen an den Parkwegen streuten ein mattes Licht auf die Wege. Alles war still, die Tiere am See waren wohl auch alle zur Ruhe gegangen.
Nach langen Minuten erhob sie sich schließlich, schaute ihn lange an.
»Ich - ich glaube, ich muss nun doch langsam nach Hause«, sagte sie dann. 
»Ich begleite Sie«, meinte der Mann und stand ebenfalls auf. 
»Nur bis drüben«. Die Frau wies zur anderen Seite des kleinen Sees, wo eine Reihe von Häusern standen. »Na gut«, er lächelte schelmisch, »wenigstens lassen Sie das zu.« 
Beide lachten laut auf. Dann hakte sich die Frau ganz freundschaftlich bei ihm ein. »Oh«, meinte sie lachend, »Sie können stolz darauf sein, das ist schon sehr viel« ...
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Am nächsten Tag am frühen Nachmittag saß der Mann auf der gleichen Bank im Park. Ein Schwanenpaar zog langsam seine Kreise auf dem klaren Wasserspiegel des Sees. Einer der Schwäne hatte seine Schwingen hochgestellt und verbreitete so eine majestätische Ruhe. Es war ein wunderschönes Bild, passte jedoch irgendwie nicht zu der Unruhe, die der Mann dort auf der Bank ausstrahlte. Wiederholt sah er auf seine Armbanduhr, um dann wieder zum Weg zu schauen, der um den See herum führte.
Kurz darauf wurde seine Ungeduld belohnt. Sie kam leicht und beschwingt den Weg entlang, ein leichtes bunt geblümtes Sommerkleid passte vorzüglich zu ihrem jugendlichen Aussehen. Sie deutete einen leichten Knicks an, reichte ihm dann ihre Hand zum Gruß.
»Ich bin aber nicht zu spät? Es sieht fast so aus, als warteten Sie schon lange auf mich!«
»Nein, natürlich nicht, ich war nur viel zu früh da,« sagte er. »Verzeihen Sie mir bitte meine Ungeduld. Es ist schon so lange her, dass ich auf eine junge Dame gewartet habe. Bin eben doch aus der Übung.«
Sie lachte. »Nun«, sagte sie, »dafür haben Sie das aber hervorragend gemeistert!«
Dann sah sie gedankenverloren auf den See hinaus. 
»Also, wenn ich das so sagen darf, ich habe mich auch auf dieses Treffen gefreut. Man hat nicht so oft das Vergnügen, sich so gut unterhalten zu können. Meist geht es bei Gleichaltrigen über ein belangloses Gespräch doch nicht hinaus, ich jedenfalls finde das schade.«
Herbst sah sie versonnen an. »Sie sind schon etwas Besonderes, Ulrike. Wenn Sie nicht so jung wären, könnte man meinen, Sie gehörten zu meiner Generation.«
»Och nee«, meinte sie dann, »ich hab schon meine eigenen Ansichten, die sich bestimmt von den Ihrigen unterscheiden. Und sicher nicht zu knapp. Meine Eltern jedenfalls hatten schon ihre liebe Not mit mir.« 
Sie lachte auf. »Und jeder Baum der Generationen trägt eben seine Früchte, denke ich. Die sollte dann aber auch nur der pflücken, der sie zu verwerten weiss, meinen Sie nicht auch?«
Sie bewegte ihre Handflächen hin und her, um damit ihre Unsicherheit anzuzeigen. Ihr Gesichtsausdruck unterstrich dabei diese fragende Aussage.
Der Mann nickte bestätigend mit dem Kopf. 
»Doch. Das mag durchaus richtig sein. Aber ein Baum der Erkenntnis der Generationen bringt auch noch andere Dinge hervor. Die Suche nach der Wahrheit. Da taucht dann ganz schnell die bewusste alte Frage auf: Was ist Wahrheit? Und von dort bis zu den bewussten Früchten, die Sie jetzt meinen, ist es noch ein langer Weg.
Sind Ihre Früchte auch meine Früchte? Ist Ihre Wahrheit auch mein? Oder sind das völlig verschiedene Dinge, die niemals ganz äquivalent verlaufen können? 
Wenn Sie beispielsweise von Liebe reden würden, ist es dann dasselbe Gefühl, die gleiche Emotion, die mir dann vorschwebt? Meinen wir das Gleiche, wenn wir lieben?«
Sie schaute ihn nachdenklich an. Ihr Blick wanderte schließlich weiter zu den Schwänen auf dem See, zum schilfbewachsenen Saum des jenseitigen Ufers. Eine grandiose weiße Wolkenwand mit herrlich gezackten Rändern schob sich unmerklich langsam vom Horizont auf den See zu. Es war ein Bild, das nur die Natur selbst hervorbringen konnte.
Zwischen den beiden Menschen war es still geworden. Beide genossen diesen Anblick, der sich so gewiss nicht täglich vor ihren Augen abspielen würde. 
»So etwas Schönes sieht man nicht oft«, sagte sie dann. »Ich liebe diese Wolkenbilder!«
»Und ich ebenfalls. Vielleicht ist es eine Belohnung nur für uns? Für zwei Menschen, die so unterschiedlich sind, wie Menschen nur sein können und doch von einer Seelenverwandtschaft, die unglaublich ist.« 
Die junge Frau schaute dem Mann in die Augen. In diesem Blick lag etwas von dem Wissen, das seit Äonen von Zeiten immer wieder neu die Menschheit belebte, sie reifen liess und das Rad des Lebens ständig neu drehte. 
»Es ist der Zauber der Gegenwart, der so etwas schafft. Ein Teil vom ›Gestern‹ und ein Stückchen ›Heute‹, ohne dass man beides festhalten kann. Man kann nur still geniessen. Und das ist auch das Fazit!«
Herbst schwieg, das Mädchen sah gedankenverloren hinüber zu den großen Weiden am Seeufer.
Wenn auch ihre Jugend und sein Alter etwas anderes aussagen mochten - sie kannten beide das Rätsel, das sie nicht freigab. Und sie wussten, dass diese Emotion, die beide verband, schon das Ende in sich selbst mit sich trug!
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Wo anders können sich ›Gestern‹ und ›Morgen‹ begegnen als im Heute? Dieses Heute aber verbietet jede Liebe, jede Vereinigung zwischen diesen beiden Polen ausnahmslos und von Vornherein. Weil sie unreal ist, ohne ein ›Vormals‹ und ein ›Nachher‹. Es ist nicht anders möglich. Wo das ›Gestern‹ eine Heimat war, ist das ›Morgen‹ noch längst keine Heimstatt für die Gegenwart
Liebe kann nur im Heute leben. 
Wo sie in der Vergangenheit lebt, ist sie tot und nur vom ›Damals‹ und der Trauer durchzogen. Sie wird dann nur von bildhaften Träumen begleitet, die unerfüllt bleiben müssen. Eben weil sie nicht mehr ist, sondern war! 
Liebe der Vergangenheit kann immer nur der nostalgische Rückblick auf wunderbare Zeitabläufe sein! Dabei geschieht es aber auch sehr oft, dass manche 
Geschehnisse unterdrückt oder ausgeklammert werden, weil diese Zeit längst nicht immer so schön war, wie sie im Gedächtnis gespeichert wurde.
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Eine alte Dame, mit der ich mich anlässlich ihrer ›Eisernen Hochzeit‹ unterhielt, holte mich aus meiner Bewunderung für ihre fünfundsechzigjährige Ehe schnell auf den Boden der Tatsachen zurück. Beide Eheleute hatten noch einen guten Gesundheitszustand, fünf Kinder gingen aus der Ehe hervor und sie hatten auch sonst viel in ihrem gemeinsamen Leben geschafft.
Ich fragte sie, ob sie nicht stolz wäre auf diese Zeit. 
Die Antwort machte mich ziemlich ratlos: »Es war die Hölle! Aber irgendwann war es zu spät für einen Wandel.«
Irgendwann war es zu spät. Welch ein absonderliches Wort für eine Beziehung zwischen zwei Menschen. Irgendwo auf dem Weg in die Zukunft ging diese Liebe verloren. Sie wurde vergessen auf den Pfaden des täglichen Einerlei. Und sicher hat sich niemand die Mühe gemacht, sie zu suchen. Vielleicht weil man schon zu müde war?
Liebe der Vergangenheit ist immer nur Erinnerung. Sie ist es ganz gewiss wert, behalten und auch gepflegt zu werden. Aber sie darf niemals in die Gegenwart hineinreichen! Dann nämlich ist dieses ›Jetzt‹ zum Scheitern verurteilt!
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Wo Liebe nur in der Zukunft lebt, ist sie nur ein Abklatsch von Sehnsucht und Verlangen, ist sie lediglich eine Szene unstillbarer Leidenschaft, die das Herz der Betroffenen beschwert, dabei Wünsche und auch Reaktionen anderer Art meist völlig einengt. Wie viele Freundschaften wurden schon zerstört, weil einer der Beteiligten plötzlich die Liebe entdeckte und somit die frühere Gemeinsamkeit vernachlässigte, ohne dass dann die Liebe wirklich einen Platz im Leben einnahm. 
Liebe in der Zukunft ist irreal. Sie wird vielfach von Wünschen begleitet, von Vorstellungen, die dann mehr oder weniger in Enttäuschungen ihr Ende finden. So manches Mal kann es dann geschehen, dass der enttäuschte Partner sich für lange Zeit selbst von all diesen Möglichkeiten des menschlichen Miteinanders ausschließt, frei nach dem Motto: Für mich gibt es keinen Partner, der zu mir passt!
Was also bleibt dann von allem zurück? Hoffnungslose Tage, Nächte voll absonderlichster Wünsche, wehmütige Träume, die sich des Öfteren auch in Depressionen verwandeln.
Liebe ist. Liebe ist Heute. Liebe ist das, von dem Erich Fried sagt: »... ist, was es ist!«
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Die junge Frau und der ältere Mann gehen zurück in ihr eigenes Leben, jeder für sich allein. Zurück bleiben Träume vom gegenseitigen Verständnis der Generationen. Ihre Träume. Unsere Träume?
Gestern war! Natürlich, mit all unseren Träumen, Leiden und Freuden.
Morgen wird sein! Mit den gleichen Voraussetzungen, den gleichen Wünschen.
Aber: Heute ist! Das muss, nein das ist der Trost für alle Menschen, die stets nur noch warten. Irgendwann ist es zu spät. 
Dann jedoch bleibt nur noch das ›war‹.
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©by Wildgooseman

15. Februar 2017

Alt werden wir alle gern ...

Es gibt keinen Menschen auf dieser Welt, der nicht weiß, dass die letzten Jahre unseres Lebens mit Beschwerden belastet sind, nicht zu vergessen der Tod, der am Ende des Lebens alles abschließt, was wir erreicht - oder auch nicht erreicht haben.
Jahr um Jahr bringen alte Menschen Opfer und leisten auch oft Verzicht auf alles, was man vielleicht noch wollte.
Seinen eigenen Sinnen und Kräften sollte man schon misstrauen. Nicht alles, was man sich noch zutraut, kann auch ausgeführt werden. Ein Weg, der früher nur ein kleiner Spaziergang war, wird nach und nach zu einem Kraftakt, wird mühsam und lang, immer länger, je älter man wird.
Die körperlichen Freuden, die einstmals die Würze des Lebens waren, werden immer seltener und müssen vielleicht immer teurer bezahlt werden.

All die vielen Krankheiten und Wehwehchen, die früher nur ein müdes Lächeln hervorriefen, die langen Nächte, oft schlaflos, werden häufiger. All das ist einfach nicht wegzuleugnen.

Darüber hinaus aber sollte man nicht vergessen, dass dieses Alter auch Vorzüge mit sich bringt. Man kann seinen Tag einfacher und besser strukturieren.
Das allein bringt schon seine Vorzüge.
Wenn sich zwei alte Menschen treffen, sollten sie nicht nur von ihrem Rheuma, ihrer Atemnot beim Treppensteigen oder den Schmerzen in den Gelenken reden, nicht nur die Leiden und Ärgernisse des Lebens austauschen.
Sie sollten sich eher von all den schönen Erlebnissen und tröstlichen Begebenheiten erzählen, die sie erleben, und das sind gar nicht so wenige, wie viele glauben. 
Wir Weißhaarigen sind nicht die Generation, die nichts mehr kann, beileibe nicht, wir können auch Quellen der Kraft sein, des Trostes und der Zuversicht. Wir kümmern uns um Themen, die meist bei den jungen Menschen noch keine Rolle spielen.
Eine der schönsten Gaben des Alters ist für mich zum Beispiel der reichhaltige Schatz an Bildern, die man nach einem langen Leben in sich gespeichert trägt. Dieser Schatz ist immer abrufbar und braucht auch keine Festplatte oder eine Cloud im Internet!

Wenn die körperliche Aktivität langsam schwindet, wendet man sich diesen Schätzen mit völlig anderen Voraussetzungen zu als in den früheren jungen Jahren.
Menschen, die seit vielen, vielen Jahren nicht mehr unter uns sind, nehmen noch einmal Gestalt an, leben vielleicht auch in uns weiter. Landschaften, Häuser, Städte, inzwischen bis zur Unkenntlichkeit verändert oder sogar ganz verschwunden, werden wieder vor unserem inneren Auge sichtbar. Gebirge, Küsten, die wir vor unendlich vielen Jahren einmal bereisten, sehen wir wie in einem Bilderbuch ganz frisch und farbig vor uns.

Wir wurden früher von Wünschen, Leidenschaften und Begierden gejagt, und - wie viele andere Menschen - sind auch wir durch unser Leben gestürmt. Voller Ungeduld, voller Erwartung und Hoffnung erlebten wir unser Dasein.
Heute, im großen Bilderbuch unseres Lebens blätternd, wundern wir uns darüber, wie schön und gut es doch sein kann, dass wir der Hetze des Daseins entronnen sind.
Hier in diesem Park der alten Menschen blühen Pflanzen, an die man früher nie gedacht hat.
Da ist beispielsweise die Blume der Geduld! Wir werden nachsichtiger, gelassener.
 (Meist jedenfalls.)Wir geben dem Leben der Natur mehr Raum, damit sie sich entfalten kann. (Von aufgezwungenen Ausnahmen abgesehen.)
Das Leben können wir an uns vorüberziehen lassen wie in einem Film, manchmal mit Bedauern, manchmal mit Freude, oftmals auch mit Leid. Wir schauen dem Leben unserer Mitmenschen, unserer Familie oder der Nachbarn zu, wie es weiterfließt, bis auch das eines Tages sein Ende findet.

Wenn dann die ganz jungen Menschen aus der Überlegenheit ihrer Kraft und ihrer Ahnungslosigkeit hinter uns vielleicht lachen, über unsere schütteren Haare, unseren unsicheren Gang; wenn sie unsere runendurchzogenen Gesichter komisch finden, dann können wir uns selbst daran ergötzen, dass wir vielleicht früher - genauso im Besitz unserer vollen Kräfte - auf die gleiche Art hinter den Alten hergelächelt haben.

Heute dürfen wir uns darüber freuen, dass wir dieser Phase entwachsen sind, ein wenig klüger, ein wenig duldsamer geworden sind. Denn das, genau das macht die Weisheit des Alters aus.


©by Wildgooseman
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29. Januar 2017

»Mädchen am Tor«

Gestern war er wieder da. Oder war es vorgestern?
Wenn man wie ich so lange hier verweilt, kommt man doch mit der Zeit in Konflikt. Aber im Grunde genommen ist das doch auch egal. Die Hauptsache ist doch, er kommt wieder. Wenn das Warten doch nicht so schwer wäre.
Angestrengt schaue ich zum Eingang hinüber. Noch immer nichts zu sehen. Ich bin traurig, wo bleibt er nur? Warum lässt er mich so lange warten, er muss doch meine Sehnsucht spüren.

Ich liebe ihn schon seit vielen Monaten, seit dem Tag im Januar, als er zum ersten Mal hier war. Ich erinnere mich gut an daran. Dort, nur ein paar Meter vor mir, sass er auf der Bank, sah mich lange an. Diese wunderschönen braunen Augen haben mich regelrecht verzaubert. Als er dann nach einer halben Stunde aufstand und wieder fortging, habe ich ihm lange nachgesehen. Ja, er drehte sich auch noch einmal um, sein letzter Blick gab mir zu verstehen, dass er mich auch mochte.
Das Mädchen am Tor (1889)
Sir George Clausen


Seit dieser Zeit kam er mit wenigen Ausnahmen an jedem Sonnabend und setzte sich zu mir. Ich war an diesen Tagen völlig durcheinander, schon am Morgen wartete ich auf den Nachmittag. Am letzten Sonnabend hörte ich, wie er flüsterte:
»Ich träume schon von dir!«

Ich hörte es, es gab mir regelrecht einen Stich ins Herz. Ich wollte ihm antworten, aber es war ja nicht möglich, so sehr ich es mir auch wünschte. Als er dann fortging, brach mir fast das Herz.
Ich liebe ihn so unendlich. Und er liebt mich, das fühle ich. Und doch kann es nicht sein, so sehr ich es von ganzem Herzen bedaure. Was gäbe ich doch alles dafür, wenn er mich mitnehmen könnte, für immer mit in sein Haus!

Aber so bleibe ich hier im Museum, denn der Preis für dieses Gemälde ist für ihn unerschwinglich ..
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©by Wildgooseman